Montag, 17. Oktober 2016

Weiches besiegt das Harte

Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser,
und doch, in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt nichts ihm gleich.
Es kann durch nichts verändert werden.
Dass Schwaches das Harte besiegt und Weiches das Harte besiegt,
weiß jedermann auf Erden,  aber niemand vermag danach zu handeln.
Schmiegsam und geschmeidig ist der Mensch, wenn er geboren wird, starr, störrisch und steif, wenn er stirbt.
Biegsam, weich und zart sind die Kräuter und die Bäume im Wachstum, dürr, hart und stark im Entwerden.
Darum gehören Starre und Stärke dem Tode, Weichheit und Zartheit dem Leben.
(LaoTzu)


Gerne stehen wir bei fließendem Wasser und betrachten es. Wir genießen die Leichtigkeit, mit der sich das Wasser an seine äußeren Gegebenheiten anpasst und beständig seine Bewegungen verändert und dennoch bei seiner Flussrichtung bleibt. Nichts kann es aufhalten, weil es so wandelbar ist, obwohl es dabei immer das bleibt, was es ist, Wasser.

Beim Betrachten nehmen wir uns ein Beispiel: So könnten wir auch leben. Doch was bedeutet das? Wir sind mit dem Leben im Einklang, wenn wir mit ihm fließen. Wir passen uns dem an, was uns das Leben gerade anbietet und stellen ihm keinen unnötigen Widerstand entgegen. Diese Anpassung ist aber keine Selbstverleugnung, sondern eine Fähigkeit, die wir mehr und mehr entwickeln können. Denn das Leben verlangt keine Unterordnung von uns, keinen blinden Gehorsam und keine schmerzhaften Verrenkungen. Es fordert uns zum Spiel heraus, in das wir genau das einbringen können, was wir in unserer Einzigartigkeit sind. Wenn wir also mit dem Leben fließen, bringen wir das Eigene mit dem Äußeren in Kontakt und Austausch, unser Wesen mit der Wirklichkeit um uns herum.

Damit tragen wir zum Wachstum bei, von uns selbst und von der Welt um uns herum. Die Wirklichkeit regt uns an, dass wir uns verändern, und in dieser Veränderung entfaltet sich die Kreativität, die der Welt Neues hinzufügt. Auf diese Weise hat sich die Vielfalt der Natur und der Kultur entwickelt, und in dieser Vielfalt können wir die unendlichen Gestalten der Schönheit entdecken.

Gesundheit und Flexibilität


Wir sind gesund in unserem Körper, wenn auch in uns selber dieses Fließgleichgewicht besteht. Alle Systeme kommunizieren miteinander und regen sich gegenseitig an, stimmen sich aufeinander ab und geben dem Raum, was gerade mehr Raum braucht.

Ist im Körper jedoch etwas ohne Notwendigkeit angespannt, so kann es nicht mehr frei kommunizieren, sondern meldet sich mit einem Schmerz, der die sofortige Aufmerksamkeit auf sich zieht. Alles andere soll zurücktreten, damit wir unsere gesamte Energie dafür einsetzen können, die Quelle des Ungleichgewichts zu beheben.

Alles Starre und Harte ist also Anzeichen einer Störung und schränkt das Leben ein, das ja in der permanenten Veränderbarkeit besteht. Es gibt keinen Stillstand, sondern nur Ruhephasen, in denen die Veränderungen in reduziertem Ausmaß stattfinden. Körperliche Verfestigungen sind nicht im Sinn des Lebens und deshalb ungesund. Alles Starre erinnert an den Tod, nicht an das Leben.

Wir können den Tendenzen zur Verfestigung, die vermutlich aus unbewussten angstgesteuerten Verhaltensgewohnheiten stammen, entgegenwirken, indem wir bewusst unsere Beweglichkeit steigern, in jeder Form, die uns liegt: Tanzen, Sport, Yoga, Tai Chi, etc. oder einfach dadurch, dass wir ein wenig anders gehen, sitzen, aufstehen, liegen, als wir es gewohnt sind.

Beweglicher Geist


Auch im Denken brauchen wir die Beweglichkeit. Häufig glauben wir, dass wir uns nach den Erwartungen richten müssen, die andere an uns haben. Oder wir meinen, dass uns andere im Weg stehen, uns in unserer Weise entfalten zu können. Als Kinder haben wir gelernt, dass wir uns nur so verändern dürfen, wie es von außen gewünscht ist, und das überträgt sich auch auf unsere Weise des Denkens. Wir wollen berechenbar bleiben, um keine Erwartungen enttäuschen zu müssen. Und wir wollen, dass die anderen Menschen und die Welt insgesamt berechenbar bleibt, denn alles, was sich zu schnell oder zu abrupt verändert, macht uns Angst.

Die Starrheit im Geist ist so schädlich wie die Starrheit im Körper. Wenn wir nicht mehr bereit sind, unsere Meinungen, Annahmen, Theorien und Einstellungen zu überdenken, zu reflektieren und, wenn es sinnvoll ist, zu verändern, bezahlen wir unsere Unbeweglichkeit darin, dass wir zunehmend an der Welt anecken. Erich Kästner meinte: „Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen.“

Aus geistiger Starrheit kommen viele unangenehme und sozial schädliche Einstellungen von der Rechthaberei bis zum Hass auf „Andersdenkende“ (allein die Existenz dieses Wortes weist darauf hin, dass es nicht als selbstverständlich gilt, dass Menschen unterschiedlich denken). Viel Unheil und Leid ist durch solche Haltungen bewirkt worden. Es sind dies immer wieder Versuche, die anderen Menschen den eigenen beschränkten Vorstellungen anzugleichen, so als sollte die ganze Wirklichkeit so krank werden wie man selber ist und als würde das alle inneren Probleme lösen.

Die Welt lässt sich jedoch nicht vereinnahmen, schon gar nicht von Eroberern, die von ihrem Wesen am weitesten entfernt sind. Sie ist geschmeidig und weich in ihren Konturen, und Klobiges und Klotziges wird so lange herumgebeutelt, bis es sich abrundet wie die Kieselsteine im Bach. Das Starre hat nur diese Chance: Sich vom Weichen belehren zu lassen; die Alternative ist das Zerbrechen, das Zersplittern. Solange so viel Sturheit in der Welt ist, muss auch so viel auf gewaltsame Weise zugrunde gehen. Solange sich das Verfestigte gegen die Verflüssigung sträubt, wiederholt sich das immer wieder gleiche Drama.

Erst wenn wir erkennen, dass jede Anspannung, auch wenn sie geistig ist, eine Selbsteinschränkung, also ein selbstauferlegter Freiheitsentzug ist, dass wir uns also mit unserem Festhalten selbst schaden, beginnen wir nach neuen Wegen zu suchen, wie das Wasser, das auf ein Hindernis stößt. Damit kommen wir ins Fließen, und damit bleiben wir lebendig. Wir wissen aber auch aus der Natur, dass es Zeit braucht. Allzu schnelle Lösungen vergehen auch allzu schnell wieder. Die menschliche Natur braucht lange, um sich abzuschleifen und die Weisheit des Lao Tzu zu verstehen:

„Biegsamkeit und Nachgiebigkeit sind die Verwalter des Lebens,
Härte und Stärke sind die Soldaten des Todes.“


Vgl. Über den Nutzen von Flexibilität
Die Verdinglichungstendenz
Widerstand und Verwandlung

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen