Donnerstag, 29. Mai 2014

Die Verdinglichungstendenz

Unter Verdinglichung verstehe ich einen Vorgang, bei dem unser Verstand Prozesse in Dinge umwandelt. Etwas, das in der äußeren Wirklichkeit eine veränderliche Form hat, wird in unserem Inneren etwas Feststehendes und Unveränderliches.

Bei der Verdinglichung handelt es sich um eine Art der verzerrenden Wirklichkeitskonstruktion. Sie ist mit einer Kontaktverminderung zur Wirklichkeit verbunden, sodass man von einer systematischen Entfremdung von dieser Wirklichkeit sprechen kann. Denn die fließende Wirklichkeit im Außen wird in eine starre Repräsentation im Innen überführt. Die Begriffe „Verdinglichung“ und „Entfremdung“ gehören zum Grundrepertoire von marxistischen und neomarxistischen Argumentationen. Ich möchte auf diese Zusammenhänge hier nicht eingehen, sondern die Wirksamkeit dieser Begriffe im Bereich der Wissenserzeugung erörtern.


Die Verdinglichungstendenz


Warum fällt es uns schwer, abstrakte Begriffe wie „Geist“ oder „Seele“ oder „Information“ undinglich vorzustellen, also nicht als Gegenstand? Das Wort „Gegenstand“ kommt ja daher, dass wir, um etwas „konkret“ „fassen“ zu können, etwas brauchen, das sich uns entgegenstellt. Am Widerstand merken wir, was es mit einem Etwas auf sich hat und nehmen dann an, dass das, was uns da entgegensteht, sicher, objektiv und unbestreitbar da ist. Wir sind ja mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen, da ist es klar, dass diese Wand real ist.

Alles Nicht-Gegenständliche erscheint uns dagegen als unsicher, instabil und schwer fasslich. Der Klang verschwindet, das gesprochene Wort ist flüchtig. Erst recht innere Vorstellungen, Fantasien und Gedanken haben keinen Bestand, oft haben wir, am Ende eines Satzes, den wir aussprechen, den Anfang schon vergessen. Das ist wohl der Grund, warum der Seh- und der Tastsinn eine dominante Rolle in unserer Wirklichkeitserfahrung einnehmen und als Garanten für sichere Tatsachen stehen.

Aus diesem Sicherheitsgefühl stammt unsere Tendenz, alle unsere gedanklichen Erzeugnisse mit visuellen und gegenständlichen Merkmalen zu versehen. Eine Idee beginnt zu wirken, wenn wir ein markantes Bild von ihr haben. Damit können wir sie „festhalten“ und auf sie „zurückgreifen“, das Visuelle dabei mit dem Haptischen verbindend.

Relatives Wissen ist jedoch nie absolut, d.h. es ist in seiner Gültigkeit immer beschränkt. Seine Relativität bedeutet, dass es kontextabhängig ist, also immer nur in Bezug auf den jeweiligen Zusammenhang gilt. Sobald sich der Zusammenhang ändert, ändert sich auch das Wissen.


Die Vergänglichkeit

Samsara, der ewige Kreislauf von
Entstehen und Vergehen

Es gibt nichts, was von Dauer ist. Alles, was lebt, verändert sich. Alles, was nicht lebt, ebenso. Dinge altern ähnlich wie Tiere und Menschen, deshalb entwickeln wir zu ihnen Formen der Fürsorge und Zuneigung wie zu Lebewesen. „Mein Auto ist in die Jahre gekommen“, „mein Computer lässt mich im Stich“, „mein Handy spinnt“ – Dinge werden zu Lebensbegleitern mit Ablaufdatum. Fast physisch kann sich der Schmerz anfühlen, wenn wir eines der Dinge loslassen müssen. Dank unserer fleißigen Marktwirtschaft kriegen wir gleich den Trost in Form eines noch schöneren, noch spannenderen und funktionaleren neuen Dinges.

Wer als Herrscher früherer Epochen etwas auf sich gehalten hat, wollte Bauwerke errichten, die für immer vom eigenen Ruhm und Reichtum Zeugnis ablegen sollten. Doch irgendwann beginnt jedes Gebäude zu bröckeln und es braucht einen Denkmalschutz, der sich dann abmüht, all die für die Ewigkeit errichteten Bauten vor dem Verfall zu bewahren.

Mittels Verdinglichungen stemmen wir uns gegen den Strom der Vergänglichkeit. Wir werfen ihm Steine in den Fluss. Doch lohnt es den Aufwand nicht, denn auch die Steine sind der Vergänglichkeit unterworfen. Wir gleichen kleinen Kindern, die meinen, dass sie einen Fluss aufhalten können, wenn sie ein paar Steinchen hineinwerfen. 


Verdinglichte Konzepte


Wie die Dinge enthalten auch die verdinglichten Vorstellungen die Illusion der Beständigkeit und Dauerhaftigkeit. Z.B. besteht ein Grund, warum ich Artikel für diese Blogseite verfasse, darin, dass ich darauf hoffe, dass Gedanken und Wissen auf diese Weise für eine „Ewigkeit“ bewahrt werden. Ich brauche nur nachzublättern, wenn ich Zusammenhänge, die mir schon einmal klar waren, wieder vergessen habe, oder wenn ich ein schon gesammeltes Wissen nicht mehr abrufen kann. Die Illusion ist, dass das virtuelle Ding eine absolute Dauerhaftigkeit haben könnte – es braucht nur der Strom ausfallen, schon ist das Ding weg. Server brechen zusammen, Betreiberfirmen gehen Bankrott, das Rad der Vergänglichkeit dreht sich, was auch immer wir unternehmen, um es aufzuhalten.

Die Vergänglichkeit alles dessen, was es gibt, wir selber mit eingeschlossen, erinnert uns daran, dass die Wirklichkeit Prozess ist und nicht eine Ansammlung von Dingen. Alles, was uns statisch und feststehend in der Zeit und im Raum erscheint, unterliegt nur einer nicht so leicht erkennbaren, feineren oder langsameren Bewegung. Die Physiker erklären uns, dass der Sessel, auf dem wir sitzen, eine Ansammlung von Elektronen und Atomkernen ist, die sich mit unvorstellbaren Geschwindigkeiten umeinander drehen, inmitten von „riesigen“ leeren Räumen.

Unsere Tendenz zum Verdinglichen hat Auswirkungen auf unseren Umgang mit Konzepten. Auch sie werden festgehalten, als hinge das eigene Leben davon ab, ob das Konzept allgemein akzeptiert wird. Wir streiten uns und zerstreiten uns, weil wir Konzepte wichtiger nehmen als Menschen. Wir tun so, als hinge unser Leben von der Richtigkeit von Konzepten ab. Wir binden unsere Identität an sie, indem wir uns z.B. als „Grüner“, als „Feministin“, als „Buddhist“, als „Pazifistin“ bezeichnen. Sobald ein derartiges Konzept fix mit unserer Identität verknüpft ist, befürchten wir, dass wir unsere Identität verlieren, wenn wir das Konzept aufgeben.

Gleichermaßen hängen wir den Menschen um uns herum Konzepte um, mit deren Hilfe wir sie einordnen, was uns dazu dient, den Umgang mit ihnen zu vereinfachen und gegen unliebsame Überraschungen abzusichern. Sie bekommen eine verdingliche Identität, sodass wir sie als Dinge sehen, die durch ihre Eigenschaften definiert sind. „Ein schwieriger Zeitgenosse“, „eine umgängliche Person“, „ein unfähiger Kollege“, usw. Das Etikett ist angeklebt, die Person hat keine Möglichkeiten, es jemals wieder loszuwerden.


Sicherheit im Wissen


Wir erkennen unsere Tendenz zur Verdinglichung auch daran, dass wir vermeinen, im Wissen und Erkennen eine  Sicherheit zu finden: „Jetzt weiß ich, was es ist, jetzt habe ich den Zusammenhang verstanden, jetzt besitze ich es, jetzt will ich es nie mehr verlieren.“ Die spezielle Sicherheit, die von Dingen geleistet wird, ihre Verlässlichkeit und Beständigkeit, wird auf Gedanken übertragen. Das ist der Kern des Fundamentalismus und seiner Anziehungskraft für ängstliche Seelen.

Verdinglichte Konzepte in unserem Denken und Wahrnehmen, aber auch in unserem Fühlen sind, um ein Bild zu gebrauchen, wie Klumpen im Blut, die, wenn sie irgendwo in der Blutbahn steckenbleiben, zu verheerende Folgen führen können. Ähnlich gefährlich sind die Konzepte, die wir für absolute Wahrheiten halten. Ein Blick in die Schlagzeilen genügt: Menschen sind bereit, auf der Grundlage von solchen Kurzschlüssen zu töten und sich töten zu lassen. 


Verdinglichung und Wissenschaft


Die Verdinglichungstendenz macht auch vor den Wissenschaften nicht Halt. Sie liegt in der Sicherheit, die wir wissenschaftlichen Erkenntnissen zusprechen: „Das hat die Wissenschaft bewiesen.“ Dem kann niemand etwas entgegensetzen, darauf kann man vernünftige Entscheidungen, die sich in aller Zukunft als richtig erweisen, gründen, darauf kann sich eine rationale, nicht von Einzelinteressen geleitete Politik berufen. „Fragen wir einen wissenschaftlichen Experten, dann wissen wir, was richtig und was falsch ist, und können dann die richtigen Entscheidungen treffen.“

Wir wissen zwar nicht, wie sicher sich der wissenschaftliche Experte seines Wissens ist. Wissenschaftliches Wissen hat auch Halbwertszeiten und wird nach einiger Zeit von neuem Wissen überholt. Aber wir haben uns daran gewohnt, den Wissenschaften nahezu vorbehaltlos den Glorienschein der Sicherheit umzuhängen und wollen daran unter allen Umständen festhalten. „Ich gehöre zur Gruppe der Vernünftigen, mit diesem Hintergrund kann mir nichts passieren. Nur Unvernünftige, die sich nicht auf die Wissenschaften verlassen, machen Blödsinn, lassen sich verführen und irren.“

Kein Wissenschaftler ist gefeit vor Verdinglichungen. Da Wissenschaftler nur in Ausnahmefällen ihre eigene Person (Erste-Person-Perspektive) in ihre Überlegungen miteinbeziehen, übersehen sie leicht die eigenen Verdinglichungstendenzen. Zudem erleben sie tagtäglich und auf ihren Fachkongressen, wie flexibel und kreativ sie sich im Rahmen ihres eigenen Forschungsgebietes bewegen und erkennen deshalb nicht, wie sie an den Rändern ihres Gärtchens verdinglichte Zäune aufgebaut haben.


Psychotherapie und Wissenschaften


Ein Beispiel ist der Bereich der Psychotherapie: als psychotherapeutische Methode wird nur anerkannt, was nach den Standards der Wissenschaften geprüft und für gut befunden wurde. Damit sollen die möglichen Konsumenten von Psychotherapie vor schlechter Behandlung geschützt und die Qualität der Behandlung hoch gehalten werden.

Dahinter steckt die Annahme, dass die Wissenschaft wissen könne, was für die Menschen gut ist. Doch beruft sich die Wissenschaft fast ausschließlich auf die Dritte-Person-Perspektive, die nur äußerst indirekt und fehleranfällig erheben kann, was Menschen selbst für sich als gut empfinden. Deshalb sind im Bereich der Psychotherapie Hunderte, wenn nicht Tausende Methoden und Techniken in Anwendung, die nie nach den Standards der Wissenschaften geprüft sind und doch gute Resultate aufweisen. Wenn solche Methoden über Jahre hinaus Bestand haben, kann das auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Menschen, die sie nachfragen, davon Nutzen ziehen, gleich, ob dieser Erfolg wissenschaftlich abgesichert ist oder nicht.

Was in aufwändigen und teuren wissenschaftlichen Untersuchungen als valide und wissenschaftliche therapeutische Methode abgesichert wurde, bezieht sich auf einen winzigen Ausschnitt aus den tagtäglich ablaufenden Tausenden von therapeutischen Sitzungen, die nur in einem Bruchteil vage Ähnlichkeiten mit dem aufweisen, was in der Wissenschaft als wirksames therapeutisches Vorgehen „bewiesen“ wurde. Die therapeutische Praxis ist schon längst immer woanders als die Wissenschaft mit ihren Labortestungen oder Doppelblindexperimenten. Denn, wie ich glaube, muss der Therapeut mit jedem Klienten eine neue Therapiemethode erfinden und weiterentwickeln.


Systemisches Bewusstsein


Das systemische Bewusstsein versucht, das Fließen der äußeren Wirklichkeit im Inneren abzubilden. Die hartnäckige Tendenz unserer Wirklichkeitskonstruktion, Prozesse zu Dingen zu machen, erschwert uns den Zugang zu diesem Denken. Es ist, als müssten wir dauernd unser Denken ermahnen: „Alles ist doch relativ“. Doch dabei sollten wir nicht in die Beliebigkeit geraten, die sagt: „Wenn alles relativ ist, ist alles gleich-gültig“, oder in die Resignation, die sagt: „Wenn alles relativ ist, hat es keinen Sinn, sich um Wissen zu bemühen“. Beide Reaktionen sind selber wieder durch die Verdinglichungstendenz bedingt: Wissen muss sicher und unveränderlich sein, darunter nehme ich es gleich gar nicht. Wenn Wissen kein Ding ist, kann ich es nicht brauchen.

Systemisches Bewusstsein heißt, dass wir in der Lage sind, unser Denken, also unsere Wirklichkeitskonstruktion, permanent an die äußeren und inneren Umstände anzupassen. Wir nutzen Wissen, über das wir verfügen, solange es zu den Umständen passt und uns hilft. Sobald sich die Umstände ändern, ersetzen wir das bisherige Wissen durch ein besseres. Wir sind also bereit, alles das loszulassen, was uns nicht mehr dienlich ist. Wir erwerben dadurch ein hohes Maß an Flexibilität und Kreativität. Wir verflüssigen unsere verdinglichten Denkinhalte, wenn wir ihrer bewusst werden, erkennen also ihre Prozesshaftigkeit.

Wir stellen uns dabei den oft sehr subtilen Ängsten, die uns aus dem Kontakt zur fließenden Wirklichkeit aussteigen lassen und statt dessen Verdinglichungen aufzubauen. Dabei hilft uns keine objektive Wissenschaft, sondern nur die Innenerforschung, die wir immer wieder anstellen sollten, um unseren beharrlichen Verdinglichungstendenzen entgegen zu wirken.

Ähnlich, um gegen Ende noch einmal auf die marxistische Tradition zurückzukommen, wie Leo Trotzki der Tendenz von Machtapparaten, in ihren Strukturen zu versteinern und dadurch unmenschlich zu werden, mit der Idee der permanenten Revolution entgegentreten wollte.

Was wir dazu brauchen, ist ein gerüttelt Maß an Weltvertrauen und Angstfreiheit. Wir benötigen auch einen starken Glauben an das Gute in den Menschen, denn nur so können wir unsere Tendenzen, die anderen zu kontrollieren und Macht über sie auszuüben, eindämmen. Es sind das ja wieder Tendenzen, mit denen wir uns selber im Inneren verdinglichen.

Der Glaube an das Gute in den anderen fällt uns leichter und wird uns selbstverständlicher, wenn wir uns klarmachen, dass Menschen nur dann ihrer Verdinglichungstendenz verfallen, weil sie Angst vor einer Veränderung haben. Je mehr Ängste wir uns bewusst machen und auflösen können, desto klarer können wir erkennen, dass andere Menschen nicht aus Dummheit oder Bosheit die Starrheiten und Sturheiten in sich selbst zulassen und pflegen, sondern aus den Leiden in ihrer Lebensgeschichte, die ihnen keine andere Wahl ließen als unflexibel und unkreativ zu werden. 


Vgl.:
Das innere Wissen und eine neue Methodologie 

Das innere Wissen und sein Beitrag für die Welt

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