Dienstag, 27. Mai 2014

Das innere Wissen und sein Betrag für die Welt

Wir können zwei Arten des Wissens nach ihrer Quelle unterscheiden: Wissen, das von außen kommt und Wissen, das von innen kommt. Die Informationen für das äußere Wissen erhalten wir durch die äußeren Sinne, für das Innere brauchen wir die inneren Sinne. Die äußeren Sinne sind bekannt und brauchen keine nähere Erläuterung: Sehen, Hören, Riechen, Tasten. Die inneren Sinne sind jene, die uns Auskunft geben über unsere Körpererfahrungen und Gefühle. Sie entstehen in unserem Nervensystem, ohne dass es notwendigerweise zu einer Einwirkung durch Reize von außen kommt. Diese Informationen werden uns als Empfindungen und als Gefühle bewusst, und im Zusammenwirken mit den Denkfunktionen wird daraus das innere Wissen.

Das innere Wissen hat zwei Vorteile: Es ist uns unmittelbar zugänglich und evident. Es liefert Erkenntnisse, die wir auf anderem Weg nicht gewinnen können. Es hat einen Nachteil: Es ist subjektiv, d.h. andere Menschen können dieses Wissen nur indirekt nachvollziehen, indem wir darüber berichten, gewissermaßen in indirekter Rede. Sowohl intern wie erst im Bericht ist schwer zu unterscheiden, welcher Realitätsebene das innere Wissen entspricht: Der Fantasie, dem Gedächtnis, dem gegenwärtigen Erleben usw. Wir vermischen oft selber „Dichtung und Wahrheit“, wenn es um Erinnerungen geht, verwechseln Gedanken und Gefühle („ich fühle, dass du mich nicht magst“), manipulieren uns selber („das war ja gar nicht so schlimm“) usw. Wenn wir über Erlebtes in uns selbst berichten, kommen noch mehr Verzerrungsfaktoren dazu. Die subjektive Welt ist eben letztlich privat und kann nur mittels Übersetzung veröffentlicht werden.

Inneres Wissen hat also einen wesentlich geringeren Grad an Verbindlichkeit und Überzeugungskraft als äußeres Wissen. Es erfordert einen guten Grad an Vertrauen in die erlebende Person, um über sie hinaus relevant werden zu können. Dennoch repräsentiert es eine ganz wesentliche Komponente unserer Welt, die ja vor allem in unseren Köpfen entsteht.

Das Wissen, das wir in der Innenschau gewinnen, ist nicht nur, wie Wissen grundsätzlich, eine Bereicherung der Welt, sondern dient auch ihrer qualitativen Verbesserung. Wir kommen mit Hilfe dieser Wissensform nicht nur dem Ideal einer ganzheitlichen Beschreibung der Welt näher, ein Ideal, das für die Wissenschaften grundsätzlich erkenntnisleitend ist. Wir leisten auch einen Beitrag zum normativ wirksamen qualitativen Fortschritt, und damit zu einem besseren, friedvolleren Zusammenleben der Menschen.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir das Image des inneren Wissens verbessern, gewissermaßen unseren Glauben daran stärken. Was es dazu braucht, sind verlässliche Experten auf dem Feld der Erkenntnisgewinnung. Die Reputation der Wissenschaften der äußeren Sinne, also vor allem der Naturwissenschaften, stammt daher, dass, wer in diesem Bereich forscht, hohen Standards folgt, z.B. der Unparteilichkeit, der Genauigkeit, der Dokumentierbarkeit usw.

Experten auf dem Gebiet des inneren Wissens müssen über vergleichbare Standards verfügen. Sie orientieren sich an ethischer Integrität, d.h. sie wollen z.B. nicht mittels frei erfundener Erkenntnisse Geld machen, sie haben einen hohen Grad an innerer Sensibilisierung erworben, d.h. sie können zwischen Empfindungen, Gefühlen, Gedanken, Fantasien usw. klar unterscheiden, und sie können reproduzierbares Wissen dokumentieren.

Dazu braucht es eine übergeordnete Instanz, die den einzelnen Wissensformen einen gebührenden Platz zuordnen kann. Es kann für den Erkenntnisfortschritt auf Dauer nicht fruchtbar sein, wenn ein Zweig des Wissens einen Alleinvertretungsanspruch postuliert und durchsetzen will. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn eine Wissensform andere verbieten will. Als Schiedsinstanz, als Zuteilungsinstanz, als Moderator für öffentliche Relevanz kommt der Wissenschaftstheorie eine tragende Vermittler- und Vermittlungsrolle zu.

Die Ganzheit der Welt braucht Bewusstheit in jedem Detail. Dafür müssen alle Wissensformen zusammenwirken, jede hat etwas Wichtiges beizutragen. Jede braucht einen guten Platz im Konzert der Erkenntnisse, ein Platz, von dem aus die anderen Stimmen gut wahrgenommen werden können und der gleichrangige Austausch vonstatten gehen kann. 


Vgl.:
Die Verdinglichungstendenz 
Das innere Wissen und eine neue Methodologie

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