Montag, 29. April 2013

Die Wurzeln der Selbstsabotage

„Ich kann das nicht. Ich schaffe das nicht. Damit werde ich nie fertig. Die anderen können das, und ich noch immer nicht. Ich bin zu allem zu blöd…“ Solches und noch mehr denken wir über uns selber, immer wieder, jedenfalls viel zu oft. Was tun wir uns da selber an?

Wir werten uns ab, was unsere Motivation und unsere Lebensbegeisterung herunterdrückt, sodass wir wie in einer selbsterfüllenden Prophezeiung gerade das erzeugen und noch verstärken, was wir uns sagen. Wenn wir uns lange genug vorsagen, wie unfähig sind, sind wir bald zu nichts mehr fähig.

Warum machen wir uns selber fertig? Warum sind wir selber unser erbittertster Feind?

Der Mechanismus der Selbstsabotage


Als Neugeborene sind wir mit der Erwartung auf die Welt gekommen, dass es für die Bedürfnisse, die wir verspüren, eine Befriedigung gibt, dass wir also genährt werden, wenn wir Hunger haben und dass uns jemand liebhat, damit wir uns nicht einsam fühlen müssen. Wir bringen auch ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz mit, das uns hilft, damit zurecht zu kommen, wenn nicht jedes Bedürfnis sofort befriedigt wird. Wird jedoch dieser Toleranzrahmen erheblich und/oder immer wieder überschritten, so bricht die Grundstruktur des Selbst- und Weltvertrauens ein. Wir geraten in Ängste, weil wir befürchten müssen, Schaden zu leiden oder sogar zu sterben, wenn wir in unserer Not nicht rechtzeitig wahrgenommen werden und wenn keine die Not lösende Aktion eintritt.

Um in diesem Fall, in dem die Frustration den Toleranzrahmen überschritten hat, überleben zu können, müssen wir uns eine Notstruktur zurechtlegen. Diese lautet folgendermaßen: Wenn meine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, muss etwas an meinen Bedürfnissen nicht stimmen, und ich muss sie verändern, sprich minimieren oder unterdrücken. Ich muss mich und meine Bedürfnisse den Möglichkeiten und Gegebenheiten der Umwelt anpassen und schauen, wie ich das Minimum, das ich zum Überleben brauche, bekommen kann.

Da wir als die Kleinen in eine Welt der Großen geboren werden, nehmen wir ohne jeden Zweifel an, dass wir immer Unrecht und die Großen immer Recht haben. Sie müssen ja wissen, wie es in der Welt funktioniert. Erst viel später, mit dem Aufwachsen und der Zunahme der Kenntnis über die Regeln und Mechanismen dieser Welt, verbunden mit der Entwicklung von kognitiven Kompetenzen, erkennen wir, dass auch die Großen irren können, Fehler machen, Schwächen haben und vor allem in emotionalen Belangen blind und taub sein können. Und noch viel später erkennen wir vielleicht, dass diese Mängel an den Großen daher kommen, dass sie, obwohl körperlich groß, häufig emotional klein oder winzig werden, also aus ihren eigenen Selbstabwertungen stammen.

Wir nehmen folglich die Schuld für das, was uns angetan oder vorenthalten wurde, auf uns, weil wir annehmen, dass die Erwachsenen vollkommen oder zumindest über jeden Zweifel erhaben sind. Wir sind die Kleinen, wir sind die Mängelexemplare. Deshalb brauchen wir ein Notfallsprogramm, das mit Selbstabwertung arbeitet, in der Sprache der Transaktionsanalyse nach der Devise: Ich bin nicht okay, alle anderen (die Erwachsenen) sind okay. Sobald das reflexive Denken beginnt, steigt es auf diese Schiene ein und füttert das Gehirn mit selbstabwertenden Botschaften, oft in zwanghaften Denkschleifen.

Mit dieser Erwartungshaltung ausgestattet, wundern wir uns nicht, wenn wir auch von außen mit Abwertungen gefüttert werden: „Du kannst das noch immer nicht, du bist zu langsam, du störst mich die ganze Zeit, du bist so anstrengend …“. Sie passen genau zu unserem Notfallsprogramm. Mittels selektiver Wahrnehmung filtern wir genau das heraus, was in das Raster passt und bestätigen es damit noch zusätzlich, sodass es zu einer inneren Überzeugung werden kann. Die eigene Wahrnehmung für das, was gut läuft, was uns gelingt und wo wir bekommen, was wir brauchen, wird abgeschwächt, weil das unseren inneren Überzeugungen widerspricht, und wir fürchten alles weniger als eine Verwirrung im Inneren.

Daran ändert sich nichts, wenn wir später, im Zug unseres Aufwachsens, lernen, dass wir die Rollen auch umdrehen können: Ich bin okay, aber ihr, die anderen, seid daneben. Spätestens in der Pubertät ist uns diese Haltung geläufig, und wir nutzen sie, um uns selber zu stärken, indem wir andere heruntermachen. Doch brauchen wir das nur deshalb, weil wir uns selber im Grund als wertlos oder unfähig einschätzen. Es ist nur eine weitere Schleife in der Selbstsabotage, wenn wir beginnen, andere zu sabotieren.

Die pränatale Geschichte der Selbstsabotage


Oben steht, dass wir mit der optimistischen Erwartung auf die Welt kommen, dass unsere Bedürfnisse erfüllt werden. Das muss nicht immer so zutreffen. Wenn es in der Embryonalgeschichte zu übermäßigen Frustrationen und zu Traumatisierungen gekommen ist, können schon in dieser Lebensphase die Grundlagen für die späteren verbalen oder gedanklichen Selbstabwertungen gelegt werden. Denn auch hier wird die schon vorhandene Umgebung des mütterlichen Organismus als das Vollkommene angesehen, dem sich das winzige neue Leben anpassen und unterordnen muss. Störungen im Ablauf werden als Fehler im eigenen System interpretiert.

Es kann also unser Lebensvertrauen schon vor der Geburt beträchtlichen Schaden genommen haben. Dann ist die Schablone schon bereitgestellt, in die alles passt, was nach der Geburt nicht passt – alle Missverständnisse, Verletzungen, Frustrationen bestätigen und verstärken den Mechanismus der Selbstabwertung und Selbstsabotage.

Auswege aus der Selbstverstörung


Wir können grundsätzlich zwei Wege (Methoden) unterscheiden, die uns aus den Mustern der Selbstabwertung befreien. Der eine geht zurück auf die Wurzeln und Ursprünge der dysfunktionalen Gewohnheiten und arbeitet die darin gespeicherten Wunden auf. Der andere bezieht sich auf die Ressourcen, die sich in jedem Leben, so verpatzt es auch erscheinen mag, auffinden lassen. Mit ihrer Hilfe werden neue Gewohnheiten aufgebaut, die der Selbstbestärkung und Selbstbestimmung dienen.

Wirklichen Erfolg im Sinn der nachhaltigen Befreiung von den Mechanismen der Selbstschädigung werden wir nur haben, wenn wir die beiden Wege immer wieder miteinander verschränken: die Ressourcen zu nutzen, um die Verletzungen in der Geschichte zu heilen, und die dadurch freigesetzten Kräfte und Energien für die Stärkung einer selbstbestimmten Lebensorientierung einzusetzen.


Vgl. Vom Umgang mit unserer Fehlerhaftigkeit

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