Mittwoch, 21. Dezember 2022

Überlegungen zur Sinnfrage

Was ist der Sinn des Lebens? Zu Festtagen oder zum Jahreswechsel besinnen wir uns manchmal auf diese ehrwürdige Frage, die uns als Schlüsselfrage für unser Dasein erscheint. Denn ohne Sinn können wir doch nicht leben.

Wir wollen ein sinnvolles und kein sinnloses Leben führen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir uns mit dem Sinn des Lebens beschäftigen. Woran können wir also sinnloses und sinnvolles Tun unterscheiden?

Die Sinnfrage bei Viktor Frankl 

Lassen wir zunächst Viktor Frankl, den berühmten Experten für die Sinnfrage, zu Wort kommen:

„Der Sinn des Augenblicks motiviert den Einzelnen zu seiner individuellen Stellungnahme gegenüber einer Anfrage des Lebens. Indem er den Sinn in einer Lebenslage wahrnimmt, sich für eine bestimmte Sinnmöglichkeit entscheidet und dann den konkreten Sinn in der Situation in der Verwirklichung eines Wertes herausarbeitet, erlebt oder in eine Haltung gegenüber der Lage umsetzt, aktualisiert er seine Verantwortlichkeit. Die gelingt, wenn Sinn traditionsunabhängig und bedingungslos in jeder Lebenslage gegeben ist.“ (Der Wille zum Sinn, S. 25)

Frankl trifft in diesem Text ein paar Annahmen. Nach ihm enthalten Augenblicke oder Lebenslagen einen Sinn, der ihnen entnommen werden kann. Weiters nimmt er an, dass wir uns fortlaufend für einen bestimmten Sinn entscheiden und diesen Sinn dann in unserem Tun verwirklichen. Diese Allgegenwärtigkeit des Sinns zeigt sich auch in diesem Zitat: „Wovon der Mensch zutiefst und zuletzt durchdrungen ist, ist weder der Wille zur Macht, noch ein Wille zur Lust, sondern ein Wille zum Sinn.“ (Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, S. 101)

Könnte es sein, dass „der Sinn“ nach Frankl einfach dem, was wir tun oder nicht tun, eine Nullstelle hinzufügt und auf diese Weise nur scheinbar Bedeutendes sagt? Menschen handeln nach ihrem Gutdünken, d.h. nach dem, was ihnen im gegebenen Moment am nächsten liegt. Jemand nimmt sich vor, einen Tag gesund zu leben. Er kommt bei einem Eissalon vorbei und kauft sich ein Eis, wissend, dass es nicht zu seinen Vorstellungen von gesunder Ernährung passt. Im Moment des Anblicks des angebotenen Eises hat sich das Motiv des Genusses vorgedrängt und die vorher getroffene Absicht überlagert. Nach der Sinntheorie ist das Eisessen das Sinnvollste, was getan werden konnte. Vielleicht war es nach der Auffassung der betreffenden Person auch unsinnig, vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich hat er das Eis genossen, ohne sich den Kopf über die Sinnfrage zu zerbrechen. Vielleicht war er unglücklich über die Vernachlässigung des Vorsatzes, was ihm den Genuss geschmälert haben könnte. Was auch immer im Inneren des Eisessers abgelaufen ist, es scheint die Annahme berechtigt, dass die Sinnfrage dabei keine oder höchstens eine ganz untergeordnete Rolle gespielt hat.

Hat alles seinen Sinn?

Wir kommen damit zur oft gehörten Aussage, dass alles, was geschieht, einen Sinn hat. Diese Aussage benötigt allerdings für die Praxis eine Einschränkung: Alles, was wir erleben, hat einen Sinn. Und sie braucht auch eine Erweiterung: Alles, was wir erleben, hat einen Sinn, weil oder wenn wir ihm einen geben. Zunächst sind Ereignisse einfach nur Ereignisse (der Regen fällt). Aber wir sind bedeutungsgebende Wesen, die alles, was in unserem Erleben geschieht und was wir bewusst wahrnehmen, mit einer Bedeutung versehen, z.B. die Bedeutung, dass uns der Regen abkühlt oder dass er uns an einer Freizeitaktivität hindert, oder, um auf das vorige Beispiel zurückzukommen, die Bedeutung, zum Genuss ein Eis zu essen oder aus Gesundheitsbewusstsein darauf zu verzichten. Wir können nichts erleben, ohne dass wir dem Erlebten eine Bedeutung geben. In dieser Hinsicht laufen wir als bedeutungs- und, wenn wir so wollen, sinngebende Wesen durch die Welt und können gar nicht anders. Selbst Psychotiker tun das, nur auf ungewöhnliche Weise.

Man könnte natürlich behaupten, dass die Abläufe und Dinge der Realität „in sich“ einen Sinn tragen. Doch kommen wir damit ins Reich der Spekulation. Die Frage, ob es einen Sinn „an sich“, also nicht nur „für uns“ gibt, führt zu Glaubensthemen, weil die Annahme, dass die Welt von Sinn erfüllt ist, eine Instanz benötigt, die diesen Sinn stiftet. Das kann eben keine Instanz sein, die Teil dieser Welt ist und die deshalb in der Erfahrung nicht auftaucht, sondern nur im Zusammenhang mit einer Glaubensentscheidung zugänglich wird.

Sinn und Bedeutung

Vielleicht liegt der Hauptunterschied zwischen Sinn und Bedeutung darin, dass „Sinn“ „bedeutungsvoller“ klingt als „Bedeutung“. Bei dem, was in unserer Erfahrung geschieht, dürfte es keinen Unterschied machen. Noch abstrakter und unspektakulärer ausgedrückt, kontextualisieren wir unsere Erfahrungen und nutzen dafür zumeist Bewertungsmaßstäbe, z.B. gefällt/gefällt nicht, sicher/unsicher usw. Wir hängen also an alles, was wir erleben, sinnstiftende Markierungen an und navigieren auf diese Weise durch unser Leben. So mannigfaltig, wie unsere Erfahrungen sind, so unterschiedlich sind auch unsere Bedeutungs- oder Sinngebungen und sie wechseln von Moment zu Moment.

Gefühle der Sinnlosigkeit

Wir haben Gefühle der Sinnlosigkeit bei versäumten Gelegenheiten, z.B. wenn ein Gespräch nicht zum erwarteten Ziel geführt hat, oder wenn wir ein Geschäft aufgesucht haben und den Artikel, den wir wollten, nicht bekommen haben, wenn wir einen sonnigen Urlaub gebucht haben und in einem Regenloch gelandet sind, erleben wir diese Frustrationen als sinnlose Aktionen, vergeudete Zeiten und Gelegenheiten. Aber wir verzweifeln nicht gleich am Ganzen unseres Lebens. Wir akzeptieren nur das nicht, was passiert ist und hätten es uns anders gewünscht. Dass wir solche Handlungen als sinnlos beschreiben, hat damit zu tun, dass wir gerade keinen Sinn in ihnen finden können. Falls wir später daran denken, fällt uns manchmal zu solchen Situationen noch ein Sinn ein.

Sinngebung und Werte

Hinter der Sinnfrage stecken die Werte, die uns wichtig sind und nach denen wir unser Leben ausrichten wollen. Wenn wir mit diesen Werten im Einklang sind, haben wir den Eindruck, dass unser Leben auf eine besondere Weise sinnvoll ist. Wir nehmen wahr, dass wir einen besonderen Beitrag zur Welt leisten, der zur Verbesserung der Zustände beiträgt. Werden wir diesen Werten untreu, so meldet sich die Scham. Als Idealitätsscham gibt sie uns Aufschluss darüber, inwieweit wir unseren eigenen Vorstellungen vom Leben gerecht werden. Wenn wir sie erkennen und annehmen, führt sie uns zurück auf unseren Weg. In dieser Hinsicht finden wir unseren Lebenssinn in der Übereinstimmung zwischen unseren Werten und dem, was wir tun, denken und fühlen.

Der Sinn des ganzen Lebens

Was nun, wenn wir von den Details des Lebens zu seiner Ganzheit gehen und nach dem Sinn des ganzen Lebens fragen? Können wir auf diese Frage andere Antworten geben als Gemeinplätze? Wenn der Sinn von Augenblick zu Augenblick ein anderer wird, lässt sich daraus ein übergeordneter Sinn ableiten?

Klar ist, dass es den Sinn des Lebens nicht wie ein Ding gibt, klar ist deshalb auch, dass wir ihn nicht wie ein Ding besitzen können. Was heißt aber das, was wir immer wieder hören: Da es den Sinn nicht einfach gibt, müssen wir ihn finden. Also fangen wir an zu suchen. Es gibt viele Bücher, die sich diesem Thema widmen und zu verschiedenen Schlüssen kommen. Z.B schreibt der Dalai Lama: Der Sinn des Lebens besteht darin, glücklich zu sein. Heißt das also, dass ein Leben, das nicht glücklich verläuft, sinnlos ist? Und ist das Glück etwas, das wir so einfach gewinnen können, etwas, worauf es eine Garantie gibt? 

Sicher nicht, das Glück ist volatiler als der Kurs einer Kryptowährung, es erfüllt uns manchmal, um dann ganz schnell wieder zu verschwinden. Es gibt zwar Praktiken, die uns dabei helfen können, unseren Glückszuständen mehr Beständigkeit zu verleihen. Aber auch bei der besten Meditationsform oder mit dem besten Meister gibt es keine Sicherheit, zu den ersehnten inneren Zuständen zu gelangen. Wäre dann das ganze Meditieren sinnlos, wenn wir nicht zur Erleuchtung oder in ihre Nähe gelangen? Meditation ist immer gut und führt uns näher zu unserem inneren Wesen.

Der Sinn des ganzen Lebens ist nicht zu fassen, denn es gibt keinen Zeitpunkt, an dem wir ein stimmiges Resümee ziehen könnten. Manche meinen, die Zeit kurz vor dem Tod würde uns eine derartige Zusammenfassung bieten, doch kennen wir viele Sterbeprozesse, in denen es solche profunde Einsichten nicht gibt, sondern ein schweres Leiden im Vordergrund steht. Außerdem ist es fraglich, worin der Wert einer Summe des eigenen Lebens bestehen könnte, die ja auch nur Highlights oder Marksteine umfassen kann und vieles auslassen muss, was es sonst noch an Erfahrungen gegeben hat.

Man könnte deshalb sagen, dass der Sinn des Lebens ein Mysterium ist, das wir bestaunen und bewundern, aber letztlich nicht verstehen können und auch nicht verstehen müssen. Wir wissen nicht, wie wir in dieses Leben gekommen sind, und wir wissen nicht, wie wir es verlassen werden. Dazwischen wissen wir einiges über die Abläufe und Zusammenhänge in diesem Leben, ohne jemals einen Einblick in seine Gesamtheit zu gewinnen. Wofür auch sollte uns das weiterhelfen? 

Zum Weiterlesen:
Du musst dein Leben nicht verstehen
Vom Anfang und Ende der Sinnfrage
Geschehenlassen und Funktionieren
Die Krisen und der Sinn


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