Donnerstag, 9. Februar 2017

Musterveränderung – aber wie?

Wie stellen wir es an, eine neue Gewohnheit zu etablieren, wenn wir merken, dass wir mit einem bestimmten Aspekt unseres Lebens unzufrieden sind? Z.B. fühlen wir uns gestresst und wissen, dass wir mehr Entspannung im Leben brauchen, merken aber, dass wir uns gerade dann besonders unruhig und gestresst fühlen, wenn wir uns entspannen wollen.

Um eine Veränderung unserer Gewohnheiten zu erreichen, ist ein bewusster Einfluss notwendig. Erfordert ist der Einsatz des Willens, also die Mobilisierung der inneren Bereitschaft, etwas zu ändern. Damit versuchen wir, eine bewusste Kontrolle der oberen Zentren unseres Gehirns über die unteren, unbewussten, auszuüben (top-down). Unser Wollen gibt die Richtung vor, in die es gehen soll.

Die Erfahrung zeigt uns allerdings häufig, dass sich das alte Muster zurückmeldet, sobald wir unsere Aufmerksamkeit abziehen, oder kurz danach – oder bei nächster Gelegenheit, bei der ein äußerer Anreiz das alte Muster aktiviert. Die neue Übungsform erscheint nun beschwerlich, anstrengend, unbequem, während uns das alte Muster Bequemlichkeit und Vertrautheit suggeriert.

Daran zeigt sich die verführerische Macht der Gewohnheit. Unser Unterbewusstsein hat die „Erfolgsmasche“, Strategien, die lange Zeit eingeübt sind, für sinnvoll zu halten, auch wenn sie uns selber, unserer Gesundheit oder unserem Sozialleben nicht gut tun. Es nimmt eine neue Form, die wir üben, zunächst als netten Ausflug in ein unbekanntes Terrain, von dem schnell der Weg zurück ins bequeme altbekannte Muster gesucht wird. Dort fühlen wir uns sicher, weil wir in vertrauter Umgebung sind, so sehr wir auch immer wieder daran leiden mögen. Meistens ziehen wir – sprich unser Unterbewusstsein – die Sicherheit der Stimmigkeit vor, denn die Unsicherheit grenzt schnell an die Überlebensfrage an, und so zieht uns unser innerer Wächter von der gefährlichen Klippe zurück in die bewährte Komfortzone, in der wir uns schon sicher eingerichtet haben – Sicherheit um jeden Preis. Das Gewohnte dem Neuen vorgezogen, auch wenn es uns oft mehr Belastung, Verunsicherung oder Stress beschert als die neue Strategie.

Deshalb gelingt es uns nur, neue Muster zu etablieren, wenn wir sie beständig einüben. Dazu brauchen wir den klaren inneren Entschluss, die klare Ausrichtung und die Bereitschaft, gegen alle Widerstände und Bequemlichkeiten dranzubleiben. Auch hilft uns die Meta-Bereitschaft, beim Einknicken der Übungspraxis als ganzer einfach wieder anzufangen, ohne uns selbst wegen unserer Inkonsequenz abzuwerten.

Auf diese Weise schwächen wir langsam und Schritt für Schritt die Macht der alten Gewohnheit. Wir können uns unser Gehirn vorstellen wie einen Wald. Tiere und Menschen nehmen dort einen bestimmten Weg, der langsam ausgetrampelt wird. Weil es einfacher ist, ihn entlang zu gehen als im Dickicht daneben, nehmen alle, die den Wald durchqueren wollen, diesen Weg. Die Pflanzen haben keine Chance, am Weg zu wachsen, und so entsteht die kleine Schneise durchs Unterholz.

Ähnlich läuft es in unserem Gehirn: Pfade, die wir immer wieder benutzen, werden stärker mit Neuronen besetzt, und diese werden leichter mit anderen vernetzt als jene, die wir kaum nutzen. Also kommen wir schnell aufs immer wieder gleiche Gleis, wenn eine Information von außen oder von innen dorthin steuert, und ab geht die Post.


Bahnung


Beim Üben machen wir es umgekehrt. Wir legen einen neuen Pfad an. Zunächst wird er zugewachsen sein, wenn wir ihn am nächsten Tag suchen. Aber wir kennen die Richtung und gehen einfach wieder aufs Neue los. Manchmal wird es passieren, dass wir den alten Weg wählen und erst mittendrin draufkommen, was wir eigentlich wollten. Dann wechseln wir auf den neuen Weg und gehen ihn mit Bewusstheit. Stetig wird der neue Weg gebahnt, wir haben eine Bahnung (Priming) geschafft, wie das in der Gehirnforschung bezeichnet wird, eine kleine Autobahn im Gehirn, der die Neuronenfeuerungen entlang rasen.

Wir erleben, dass es uns leichter fällt, die neue Verhaltensweise anzuwenden. Die Widerstände sind schwächer geworden oder ganz verschwunden, und wir haben Freude an der neuen Aktivität. Damit ist die positive Selbstverstärkungsschleife etabliert, die neue Tätigkeit wird zum Selbstläufer, wir vergessen kaum darauf, weil uns etwas dazu hinzieht, und wir missen es, wenn wir einmal keine Zeit haben.

Wann immer wir eine Musterveränderung in eine Richtung anstreben, die uns, unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden gut tut, wie z.B. das Üben einer entspannenden Atemmethode, wirken die Selbstheilungskräfte unseres Körpers mit. Es gibt ein organisches Wissen in uns, das die ideale und optimale Funktionsweise unseres Inneren kennt. Es weiß z.B. um das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus in unserem autonomen Nervensystem, das unsere Leistungsfähigkeit ebenso wie unsere Regenerationsfähigkeit stabilisiert. Es strebt von sich aus zu Ausgleich und Harmonie, wenn es zu einer einseitigen Überlastung kommt. Sobald wir bewusst gelenkte Schritte in diese Richtung initiieren, wird es seine unbewussten Energien mobilisieren, um die Änderung hin zur Optimierung zu unterstützen.

Damit haben wir einen wichtigen Partner für unseren Übungsweg gefunden, der uns hilft, dass wir immer leichter und schneller zum neuen Weg finden und dass wir immer eleganter und flexibler auf ihm weiterkommen.


Soziale Verstärkung


Eine weitere Unterstützung auf dem Änderungsweg kommt aus unserem sozialen Umfeld. Menschen können uns in vielfältiger Weise helfen, die neuen Gewohnheiten fester in uns verankern, vor allem, indem sie uns positive Rückmeldungen geben, auch indem sie uns ermuntern und helfen, Widerstände zu überwinden. Am besten gelingt das Gleichgesinnten, die den Übungsweg selber kennen oder kennenlernen wollen. Deshalb ist es immer empfehlenswert, Wanderkameraden für den neuen Pfad zu finden. Wir können uns über unsere Erfahrungen austauschen und neue Impulse aufnehmen, wenn unsere inneren Antriebe erlahmen. Wir nehmen uns ein Beispiel an anderen, denen eine bestimmte Aktivität leichter fällt, und dienen als Beispiel für jene, die sich schwerer tun als wir selber. 


Vom Nutzen des Wachsens


Jede neu eingeübte Fertigkeit erweitert unser inneres Repertoire und macht uns damit reicher. Wir können in irgendeiner Weise besser mit der Wirklichkeit umgehen und deren Vielfalt leichter für uns nutzbar machen. Je mehr Autobahnen wir in unserem Gehirn gebahnt haben, desto mehr Ziele können wir erreichen und desto schneller kommen wir von einem Ort zum nächsten. Der Spaß, der in dieser Beweglichkeit steckt, verlockt zu den nächsten Bahnungen, zum nächsten Abenteuer im inneren Wachsen.

Vgl. Der Vagus 
Das kohärente Atmen
Widerstand und Verwandlung 

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