Montag, 1. Dezember 2014

Das Modell der Inkarnation und die praktischen Konsequenzen

Ein zentrales Element des christlichen Glaubens besteht in der Inkarnation = „Fleischwerdung“ Gottes als Jesus Christus (vgl. Katechismus 463) ("Das Wort ist Fleisch geworden", Joh 1,14). Gott gibt sich eine menschliche Form, um den Menschen zu zeigen, dass sie das Göttliche in sich finden können.

Der ursprünglich theologische Begriff der  Inkarnation wurde in manchen esoterischen Anschauungen auf den Eintritt der Seele in die befruchtete Eizelle bei der Empfängnis übertragen. Dabei spielt die Vorstellung eine Rolle, dass die Seele vorher an einem anderen „Ort“ weilt und sich dort zur Inkarnation entscheidet. Ausgestattet mit der Fähigkeit zur Präkognition, weiß die Seele, was sie erwarten wird, die Mutter, den Vater und die weitere Lebensgeschichte mit all den Schicksalsmomenten. Die Entscheidung zur Inkarnation wird also im Wissen um die Konsequenzen getroffen, für die die Seele dann auch die Verantwortung übernimmt.

Soweit diese Vorstellung, die in der modernen Esoterik weit verbreitet ist, z.B. bei Ralph Metzner. Er sieht den Lebenszyklus zusammengesetzt aus den Stationen: Inkarnation, Empfängnis, Geburt, Tod, das Leben danach und Reinkarnation usw.

Dieses Konzept beruht auf einer Reihe von Voraussetzungen:
1.    Es gibt eine Trennung von Leib und Seele, die ab der Empfängnis auf Lebenszeit aufgehoben wird.
2.    Die vom Körper getrennte Seele verfügt über ein detailliertes Vorauswissen, was das weitere Leben anbetrifft.
3.    Sie ist in der Lage, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, sie verfügt also über Kompetenzen, die erst im Erwachsenenalter wieder erlangt werden.
4.    Mit der Empfängnis, also mit dem "Eintritt" in den Körper, gehen diese Fähigkeiten schlagartig verloren und werden langsam und mühsam im Lauf des weiteren Lebens zumindest teilweise wieder erworben. Die Seele verfügt also über die Fähigkeit, ihre eigenen Fähigkeiten zu verlieren, um sie dann wieder vom Neuen mühsam zu erwerben, allerdings in viel mangelhafterer Form.


Abwertung des Körpers


Das Inkarnationsmodell enthält eine abgestufte Wertung von Körper und Seele: Die Seele wird als reif, klar und integer vorgestellt, während der Körper über keinerlei besondere Qualitäten verfügt, sondern ganz bei Null beginnt und langsam seine Form aufbaut, die dann irgendwann wieder zugrunde geht. Er ist auch der Bösewicht, der der Seele zunächst wegnimmt, was sie an Kompetenzen hat, sodass sie wieder von ganz vorne beginnen muss. Hier passt die Vorstellung vom Gefängnis Körper, in das die Seele bei der Inkarnation hineinschlüpfen muss, alles hinter sich lassend, was sie auszeichnet. Es handelt sich dabei um eine Weiterführung von manichäischem Gedankengut, das als Körperabwertung und -verachtung in das frühe Christentum eingedrungen ist und weite Verbreitung gefunden hat.


Praktische Konsequenzen


Was sind die Konsequenzen dieser Annahmen? Ist das Modell in einer lebenspraktischen Hinsicht hilfreich oder nützlich? Ihre Vertreter weisen darauf hin, dass es zu einem Ende der Beschuldigung beitragen und zur Verantwortungsübernahme motivieren kann: Ich muss mich selber um mein Schicksal kümmern und kann mich nicht ausreden auf meine schlechte Kindheit und überhaupt auf die widrigen Umstände in der Welt, sondern muss die Verantwortung für mein Leben selber tragen. Ich muss erkennen, dass ich von Anfang an mein Leben so gewollt habe, wie es dann geworden ist. Ich kann deshalb niemandem Vorwürfe machen und habe die gesamte Verantwortung für alles zu tragen, was mir das Leben beschert.

Also nimmt das Konzept dem Opfer die Grundlage dafür, das Opfer sein zu können. Das mag insofern hilfreich sein, als die Opferhaltung die eigene Lebenskraft schwächt und abhängige Beziehungen schafft. Menschen sollen sich selbstbewusst und nicht als Opfer fühlen.

Der Haken an dieser Argumentation ist, dass die Befreiung aus der Opferrolle am falschen Ort ansetzt. Denn das Modell verwandelt das Opfer in den Täter: Es mutet sich zu, Täter an sich selbst zu sein. Denn es hat sich für das eigene Leid entschieden. Wenn das Opfer zum Täter wird, bleibt es an die Opferrolle gebunden.

Was ganz offensichtlich ist: Kinder haben nicht die Verantwortung, wenn sie misshandelt oder missbraucht werden, wenn sie vernachlässigt und manipuliert werden. Die Erwachsenen, die es besser wissen müssten, tragen hiefür die Verantwortung, und sie ist ihnen auch zuzumuten. Oder ist es hilfreich, wenn Eltern ihren Kindern, denen sie vieles schuldig geblieben sind, erklären, dass sich diese das selber ausgesucht hätten, also sich bei sich selber beschweren müssten? Wenn ihnen was nicht gepasst hat, hätten sie sich ja auch andere Eltern aussuchen können. Das klingt ja wie blanker Zynismus.

Dennoch: Die Vorstellung der bewussten Inkarnation verlangt diese Einstellung, und alle Täter in der schwarzen Pädagogik sind damit entschuldigt, überhaupt alle Missetäter und Verbrecher dieser Erde bekommen da ihren Persilschein. Schließlich hat sich jedes Opfer einer Gewalttat, einer Ungerechtigkeit und Gemeinheit vor der Inkarnation genau dafür entschieden, und so hat es kommen müssen. Alle Beschwerden sind zwecklos.


Der Ausweg aus der Opferrolle


Um die Schmerzen aufarbeiten zu können, die durch Verletzungen in der Kindheit und noch früher entstanden sind, muss die Beziehung zwischen Täter und Opfer klar und unmissverständlich sein: Hier ist der Täter, hier das Opfer. Beim Täter liegt die Verantwortung, das Opfer trägt das zugefügte Leid. Wenn das klargestellt ist, kann die Wut, die die natürliche Reaktion auf eine Schlechtbehandlung darstellt und in der Kindposition oft nicht ausgedrückt werden durfte, zu ihrem Recht kommen. Ohne das Zulassen der Wut kann der Schmerz nicht voll empfunden werden, und ohne das Durchleben des Schmerzes können die Wunden nicht geheilt werden.

Wenn also die Verantwortung für etwas übernommen wird, wo es noch keine Verantwortung geben kann, werden nur die eigentlichen Täter, die Erwachsenen, geschont, ohne dass es zu einer wirklichen Versöhnung kommen kann. Nur wenn die Verantwortung dort gelassen wird, wo sie hingehört, kann es zu einer Verarbeitung in der Tiefe kommen. Natürlich ist das Ziel nicht, Schuld zuzusprechen und daran festzuhalten. Wenn die Wut und der Schmerz durchgespürt werden konnten, besteht kein Bedürfnis mehr, die Erwachsenen als Schuldige zu benennen und anzuklagen. Es wächst dann, aber erst dann, das wirkliche seelische Verständnis dafür, dass die, die einem selber etwas angetan haben, so handelten, weil ihnen in ihrer Lebensgeschichte selber etwas angetan worden war. 


Vgl. Die Idee der Inkarnation und die allgemeine Vernunft

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