Dienstag, 5. November 2013

Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit


Der deutsche Philosoph Thomas Metzinger versucht in einem interessanten Artikel die Themenbereiche von Philosophie, Religion und Spiritualität in eine neue Beziehung zu bringen. Viele seiner Gedanken decken sich mit den auf dieser Blogseite vertretenen Ansichten und bringen auch neue Einsichten in die Zusammenhänge. Ich gebe hier einen Überblick über diesen Text. Die Zahlen in Klammer geben die Seitenzahl im Text wieder. Am Ende finden sich einige weiterführende Anmerkungen von meiner Seite.

Der Ausgangspunkt: Drei Grundthesen


1)      Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.
2)      Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als einen Sonderfall der spirituellen Einstellung beschreiben.
3)      Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee.

Unter Spiritualität wird vor allem eine Praxis und nicht so sehr eine Theorie, eine bestimmte Form des inneren Handelns und nicht eine bestimmte Frömmigkeit oder ein dogmatischer Glaube verstanden.  „Bei der spirituellen Erfahrung geht es nicht nur um Bewusstheit als solche, sondern auch im ihre leibliche Verankerungen, um die subjektive Innenseite dessen, was … embodiment oder grounding genannt wird. Das Ziel ist immer der Mensch als Ganzer.“ (7)

Spiritualität wird auch als epistemische, also auf Wissen gerichtete Einstellung verstanden:
„Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen.“ (8) „Die spirituelle Einstellung ist eine Ethik des inneren Handelns um der Selbsterkenntnis willen.“ (9)
Metzinger greift dabei auf den Begriff der Unbestechlichkeit nach Krishnamurti zurück, „der semantische Kern eines wirklich philosophischen Begriffs der Spiritualität.“ (10)
Darunter wird eine Unbestechlichkeit gegenüber:
  • Versuchen, die Meditationspraxis an metaphysische Theorien zu binden,
  • ideologischen Formen des rationalistischen Reduktionismus
  • und sich selbst gegenüber verstanden.
Das führt zu dem zentralen Begriff des Textes, die intellektuelle Redlichkeit. Der Begriff bedeutet, „dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt, und zwar selbst dann, wenn es um Selbsterkenntnis geht, und auch dann, wenn Selbsterkenntnis einmal nicht mit schönen Gefühlen einhergeht oder der akzeptierten Lehrmeinung entspricht.“ (11)

Meditation zielt „auf diese Erhöhung von mentaler Autonomie. Meditation kultiviert die geistigen Bedingungen der Möglichkeit von Rationalität. Es geht nämlich um die innere Fähigkeit, nicht zu handeln, um die sanfte, aber sehr präzise Optimierung von Impulskontrolle und eine schrittweise Bewusstwerdung der automatischen Identifikationsmechanismen auf der Ebene unseres Denkens.“  „Das aufrichtige Streben nach intellektueller Integrität ist in Wirklichkeit ein wichtiger Sonderfall des Strebens nach moralischer Integrität.“ (12)

Drei Brücken zwischen der spirituellen Praxis und dem rationalen Denken


Die erste Brücke: „Bei beiden geht es um eine Ethik des inneren Handelns um der Erkenntnis willen. Und in beiden Fällen ist das Ziel die systematische Erhöhung von geistiger Autonomie.“ (14)
Die zweite Brücke: die Lauterkeit der Absicht, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein (nach Immanuel Kant).
Die dritte Brücke bildet Nietzsches Wille zur Wahrhaftigkeit: „Er erlaubt es uns, die von der Evolution fest in uns eingebaute Suche nach emotionaler Sicherheit und guten Gefühlen loszulassen und der Tatsache ins Auge zu schauen, dass wir radikal sterbliche Wesen sind, die zu systematischen Formen der Selbsttäuschung neigen. Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber erlaubt es, das Wahnhafte und die systematische Endlichkeitsverleugnung in unserem Selbstmodell zu entdecken.“ (15)

Wie hast du‘s mit dem Glauben?


Wann ist es ethisch in Ordnung, an etwas Bestimmtes zu glauben, sich also eine bestimmte Überzeugung „zu Eigen“ zu machen? Der Evidentialismus ist eine Erkenntniseinstellung, bei der man nur an etwas glaubt, für das man wirklich Argumente und Belege hat.
Er steht im Gegensatz zum Dogmatismus (Es ist legitim, an einer Überzeugung festzuhalten, einfach weil man sie schon hat) und zum Fideismus (Es ist legitim, an einer Überzeugung auch dann festzuhalten, wenn es keine guten Gründe oder Evidenzen für sie gibt, sogar angesichts überzeugender Gegenargumente). 

Dogmatismus und Fideismus beinhalten die Verweigerung jeder ethischen Einstellung zum inneren Handeln überhaupt, einen Mangel an innerem Anstand, vorsätzliche Selbsttäuschung, systematisches Wunschdenken oder auch Paranoia, „während das psychologische Ziel der Ethik eines Glaubens eine ganz bestimmte Form von geistiger Gesundheit ist. Ich nenne diese Form von geistiger Gesundheit ‚intellektuelle Integrität‘.“ (16)

Nach dieser Unterscheidung kann Metzinger den Vertretern der organisierten Religion aller Art die intellektuelle Redlichkeit absprechen. Statt dessen kommt es zur Missachtung des Prinzips der Selbstachtung, zum Verlust der Würde und der geistigen Autonomie. Das betrifft nicht nur die Vertreter der Kirchen, „sondern auch einen sehr großen Teil der so genannten ‚spirituellen Alternativkultur‘, die durch infantile Selbstgefälligkeit und grobe Formen der intellektuellen Unredlichkeit gekennzeichnet sind.“ (16f) „Wenn man ernsthaft an der Frage nach der Möglichkeit einer säkularisierten Spiritualität interessiert ist, dann muss man alle relevanten empirischen Daten und alle möglichen Gegenargumente in Betracht ziehen.” (17)

Selbsttäuschungen


Die Evolution des Glaubens hat „viel mit der Evolution von nützlichen Formen der Selbsttäuschung zu tun.“ (19) Im Laufe der Entwicklung der Menschen haben sich falsche Überzeugungen, positive Illusionen und komplette Wahnsysteme als zeitweilig nützlich erwiesen und als genetische Programme verfestigt. „Selbsttäuschung lässt uns vergangene Niederlagen vergessen, sie erhöht Motivation und Selbstvertrauen.“ (20)
Solche Verdrängungsmechanismen bieten nicht nur eine defensive Funktion, indem sie den inneren Zusammenhalts einer Gruppe schützen. „Sie dienen allem Anschein nach auch auf sozialpsychologischer Ebene als wirksame Strategie, um genau die Information zu kontrollieren, die für andere Menschen verfügbar ist, um diese effektiver zu täuschen – zum Beispiel um andere wirklich glaubhaft davon zu überzeugen, dass man moralischer, stärker, schlauer oder attraktiver ist, als es tatsächlich der Fall ist. Selbsttäuschung dient also nicht nur dem Selbstschutz, sondern auch der Aggression, etwa dem Versuch der Erhöhung des eigenen sozialen Status.“ „Wer es also ernst meint mit dem philosophischen Projekt der Selbsterkenntnis, muss die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass intuitive Gewissheiten systematisch in die Irre gehen können und dass es auch beim ‚direkten Blick ins eigene Bewusstsein‘ jederzeit introspektive Illusionen geben könnte.“ (20)

Wir haben also eine tief in uns verankerte Neigung, uns selbst zu täuschen und Dinge für wirklich zu halten, die es gar nicht sind. Solche Mechanismen haben mit der Entwicklung von Religionen zu tun und wurden auch von diesen zur Etablierung ihrer Monopolstellung in der Wirklichkeitsdeutung und Sinnerzeugung genutzt.

Die „Terror management theory“


Das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit erzeugt einen direkten Konflikt mit unserem Selbsterhaltungstrieb und damit auch das Potenzial für eine lähmende, existentielle Form der Angst. Wir versuchen diese zu bewältigen, indem wir Sicherheit und Stabilität in einer Weltanschauung suchen, die wir als eine Art „Angstbuffer“ benutzen. Ein fester ideologischer Rahmen ermöglicht es uns dann auch auf emotionaler Ebene, unser Selbstwertgefühl zu stabilisieren, zum Beispiel durch einen religiösen Glauben.“ (21)
Metzinger zitiert Forschungen aus dem Bereich der  Terror management theory. Sie zeigt: „Je schlechter es uns gelingt, Informationen über die eigene Sterblichkeit zu verdrängen, desto stärker identifizieren wir uns mit dem von uns gewählten ideologischen System.“ (21)

Das „adaptive Wahnsystem“


Unter Wahn ist eine offensichtlich falsche Überzeugung zu verstehen, die mit einem starken subjektiven Gewissheitserleben einhergeht und die durch vernünftige Argumente oder empirische Belege nicht korrigiert werden kann. Ein System aus Wahnvorstellungen ist ein ganzes Netzwerk zusammenhängender Überzeugungen, das auch von vielen Menschen miteinander geteilt werden kann. Wahn beeinträchtigt immer die Lebensführung und erzeugt Leidensdruck, das gilt auch für religiöse Glaubenssysteme. „Eine Einschränkung von intellektueller Redlichkeit führt zu einem Verlust von Autonomie und Flexibilität. Sie hat die Menschheit wiederholt in politische und militärische Katastrophen geführt, in Diktaturen und Kriege.“ (21)
Natürlich kann es kurzfristig Trost, intensive Gemeinschaftserfahrungen, Geborgenheit bei Unsicherheit bewirken, „metaphysische Placebos, die in der existentiellen Palliativmedizin eingesetzt werden. Für die Menschheit als Ganze ist diese Strategie aber objektiv nicht nachhaltig. … Die lokale, kurzfristige Stabilisierung des Selbstwertgefühls erzeugt auf globaler Ebene immer wieder unfassbares Leid.“ (21)

 „Dass ein Wahnsystem ‚adaptiv‘ ist, bedeutet, dass es eine Anpassungsleistung darstellt.“ Es schützt vor Gefahr, wie sie z.B. durch „das plötzlich auftretende, explizite und bewusst erlebte Wissen um die eigene Sterblichkeit“ ausgelöst wird. (21) Religion entsteht zuerst aus Bestattungsriten und aus dem Ahnenkult, also aus „systematischen Formen der Sterblichkeitsverleugnung – Coping-Strategien in Bezug auf die eigene Endlichkeit.“

Die Evolution hat „allem Anschein nach erfolgreiche Formen von geistiger Krankheit hervorgebracht.“ Sie hat möglicherweise Vorgänge in uns installiert, die „das Selbst sozusagen von Geburt an korrupt machen.“ Wir sind deshalb ethisch nicht verantwortlich, weil dieser Mechanismus von der Evolution in die Architektur unserer Gehirne und damit auch in unseren Geist einprogrammiert wurde. Wenn wir jedoch von dieser Tatsache wissen, ergibt sich „eine direkte ethische Verpflichtung, die verschiedenen Mechanismen der Selbsttäuschung so gut wie irgend möglich zu verstehen, … mit allen Formen des epistemischen Handelns gleichzeitig.“ (22)

Die Absicherung von solchen Selbsttäuschungsvorgängen verläuft sowohl Bottom-up, durch die biologische Einprogrammierung der Selbsttäuschung, wie Top-Down: „Die gesellschaftliche und kulturelle Dynamik – für die wir als einzelne Menschen eine Mitverantwortung tragen – kann den menschlichen Geist natürlich auch ‚von oben‘ versklaven, zum Beispiel durch die verschiedensten Weltanschauungen und Ideologien.“ (22)

Aber auch die intellektuelle Redlichkeit könnte ideologisch werden, wie eine neue Religion. Deshalb ist es notwendig, „den Mechanismen, die seine innere Integrität bedrohen, so direkt wie möglich ins Angesicht zu schauen – und zwar immer wieder von Neuem. Man kann das von innen tun, oder von außen.“ (22)


Die Existenz Gottes und das Weiterleben nach dem Tod


In Bezug auf diese "letzten" Fragen besteht der aktuelle Stand von Wissenschaft und Philosophie bei der überwiegenden Zahl der Forscher darin, dass es keine vernünftigen Argumente sowohl für die Existenz Gottes als auch für ein Weiterleben nach dem Tod gibt. Empirische Befunde dazu sind ohnehin nicht möglich. Es geht nun bei der intellektuellen Redlichkeit um „etwas viel Einfacheres, Bescheideneres: sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und einfach nur die Tatsache anzunehmen, dass dies im Moment der aktuelle Stand der Dinge in Wissenschaft und Philosophie ist. … Es sieht im Moment so aus, als ob Befreiung immer nur innerweltliche Befreiung sein kann und Erlösung immer nur innerweltliche Erlösung. Es geht dann nicht mehr um ein Jenseits oder eine mögliche Belohnung in der Zukunft, sondern immer nur um den gelebten Augenblick der Achtsamkeit, den Moment des Mitgefühls, um das aktuelle Jetzt.“ (24)

Was ist Erleuchtung?


Was unter Erleuchtung zu verstehen sei, wird in den Hunderten von Berichten aus vielen Kulturen und aus allen Zeiten ganz unterschiedlich beschrieben. „Die buddhistische Philosophie zum Beispiel ist sich in keinem Stadium ihrer Geschichte wirklich darüber einig gewesen, was Erleuchtung überhaupt ist oder sein könnte.“ (25)

Weiters gibt es bei dieser Frage ein einfaches logisches Problem: Wenn Erleuchtung in der Auflösung des Selbst besteht, gibt es nichts, was über diese Erfahrung berichten könnte. „Aber genau dieser Punkt verbindet ja dann auch wieder die ernsthaft spirituell Praktizierenden mit der Sichtweise der Wissenschaft.“ (26) Es scheint so zu sein, „dass die Komponente der existentiellen ‚Befreiung‘ … sich wegen ihrer Unaussprechlichkeit nicht operationalisieren und wissenschaftlich behandelbar machen lässt. Wissenschaftlich lässt sich dieser Aspekt immer nur als eine ganz und gar vergängliche und auf physikalischen Vorgängen im Gehirn beruhende Form des Erlebens fassen, und nicht als eine transzendente Form des Wissens. … Wenn ein Erkenntnisanspruch öffentlich erhoben wird, dann muss man uns erklären, was genau denn jetzt die fragliche kontemplative ‚Einsicht‘ oder das Wissen hinter der spirituellen ‚Erfahrung‘ ist, was genau es bedeutet, dass ganz bestimmte veränderte Bewusstseinszustände eine andere Art von Erkenntnis transportieren, die nichts mit Sprache, Theorien oder rationalen Argumenten zu tun hat. … Eine aufgeklärte, säkularisierte Form von Spiritualität müsste sich … genau dadurch auszeichnen, dass sie von den … Entwicklungen in der modernen Philosophie und Wissenschaft nicht wirklich bedroht wird, sondern im Gegenteil sogar das Potenzial zu ihrer Integration besitzt.“ (26)


Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit


„Das Ideal der intellektuellen Redlichkeit … ist etwas, das ganz neu ist und sich erst an wenigen Stellen auf unserem Planeten … zu realisieren beginnt. Was die intellektuelle Redlichkeit möglich gemacht hat, waren aber die ursprünglich religiösen Ideale der bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gegenüber Gott. In der reflexiven Wendung auf den Menschen selbst sind daraus die beiden ethischen Ideale der bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber geworden… Eine zentrale Einsicht, die der spirituellen Einstellung schon immer zugrunde liegt, ist dann allerdings, dass es mehr als eine Form von Erkenntnisfortschritt, mehr als eine Form des Wissens gibt.“ (27)

Der Vergleich von Religion und Spiritualität zeigt: „Religion opfert die eigene Vernünftigkeit für die emotionale Kohärenz des Selbstmodells. Spiritualität löst das phänomenale Selbst auf. Religion ist von der Grundstruktur her dogmatisch und damit intellektuell unredlich. Spirituelle Menschen werden immer offen für rationale Argumente sein, denn es gibt für sie keinen Grund, sich zu verschließen. Religionen organisieren sich und missionieren. Spiritualität ist etwas radikal Individuelles und typischerweise eher still.“ „Vieles, was heute unter dem Deckmantel der Spiritualität auftritt (ist) natürlich nichts anderes als Religion in diesem … Sinne.“ (28)

Es gibt zwischen Wissenschaft und spiritueller Einstellung zwei Aspekte einer verbindenden Grundeinstellung:
1)      Der unbedingte Wille zur Wahrheit, aus Erkenntnis und nicht aus dem Glauben.
2)      Das normative Ideal der absoluten Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Die Zukunft


„Wir wissen einfach nicht, wohin uns der innere und der äußere Erkenntnisprozess noch führen werden. Eine ethische Einstellung ist nicht zwingend davon abhängig, dass die Aussicht auf einen Erfolg der eigenen Handlungen groß ist. … Das Mehr-Wissen-Wollen ist die einzige Option, die wir haben, wenn wir unsere Würde und den gegenseitigen Respekt voreinander und auch vor uns selbst nicht aufgeben wollen.“ (31)
„Redlichkeit im fraglichen Sinn ist eine intellektuelle Tugend, die über die Zeit hinweg kultiviert werden kann, genau wie zum Beispiel die inneren Tugenden einer präzisen, sanften Achtsamkeit oder des Mitgefühls geistige Fähigkeiten sind, die aktiv erworben und schrittweise entwickelt werden können.“ (33)

Zur Weiterführung


Soweit eine Zusammenfassung des Textes von Thomas Metzinger, Philosophieprofessor in Mainz. Die in diesem Blog mehrfach vertretene Argumentationslinie, was das Thema „Esoterik“ anbetrifft, findet durch die Begrifflichkeit dieses Textes eine ethische Zuspitzung und Verschärfung. Religiös oder esoterisch zu glauben, ist nicht nur eine Form der Selbsttäuschung, die uns unterläuft, sondern beinhaltet auch eine Form der Unredlichkeit und der Unehrlichkeit, eine Form der Selbstverleugnung, von der wir uns distanzieren sollten, sobald wir uns ihrer bewusst werden. Auch sind wir aufgefordert, dort, wo andere solche Unredlichkeiten verbreiten, dagegen Stellung zu beziehen.

Wer den Weg der Meditation geht, hat nicht nur die Verpflichtung, den Blick immer wieder nach innen zu richten und dort die Wahrheit zu suchen. Er oder sie hat auch dafür zu sorgen, dass die inneren Erkenntnisse einer intellektuellen und damit auch öffentlichen Reflexion standhalten können. Das Innere muss sich auch im Äußeren, im Diskurs der an Vernunft ausgerichteten Öffentlichkeit bewähren.

Dieses Veröffentlichen der Innenerkenntnis hat auch eine gegenläufige Seite: Es handelt sich beim Wissen, das die meditierende Person erwirbt, um wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Erkenntnisse. Was ich im Inneren erlebe, ist bedeutsam nicht nur für mich, sondern auch für die Menschheit als ganzer. Wir brauchen für den Fortschritt zu einer besseren Gesellschaft all das Wissen darüber, wie im Inneren Frieden, Gerechtigkeit und Anspruchslosigkeit gefunden werden können. Dazu hat jede Person, die den Weg der Meditation und Innenerforschung geht, etwas Wertvolles beizusteuern. Es handelt sich um ein sinnstiftendes Wissen, das die Gesellschaft dringend benötigt.

Deshalb ist es von zentraler Bedeutung, dass sich die Wissenschaft in ihrer Methodologie für ein neues Paradigma öffnet, das die Erkenntnisse des inneren Sinnes in einer an den wissenschaftlichen Standards orientierten Form aufbereiten und für die Gesellschaft nutzbar machen kann.

Eine andere Weiterführung des Textes von Thomas Metzinger zur Position der Psychotherapie zwischen Spiritualität und Wissenschaft möchte ich in einem weiteren Blogbeitrag diskutieren.

Für alle, die den Text genauer nachlesen wollen:

Für alle, die lieber Videos schauen: Auf Youtube finden sich ein Vortrag von Thomas Metzinger zu dem Thema (6 Teile).

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