Donnerstag, 21. November 2013

Die zwei Wahrheiten: Relatives verkleidet als Absolutes

Die zwei Wahrheiten klar zu unterscheiden, ist wichtig, weil wir daran erkennen können, ob unser Weg weiter in die Tiefe des Seins oder zurück in die Untiefen unserer Lebensgeschichte führt. Diese Unterscheidung ist jedoch deshalb knifflig, weil wir für diese Aufgabe die Fähigkeit brauchen, die vielfältigen Fallen und Tricks der relativen Wahrheit zu erkennen, und weil wir ebenso in der Lage sein müssen, die absolute Wahrheit in ihrer Reinheit und Klarheit zu erkennen. Wir brauchen also die Weltläufigkeit und zugleich den Zugang zur Tiefe der Erkenntnis, um uns im Gelände zwischen Relativität und Absolutheit sicher orientieren zu können.

Mit dieser doppelachsigen Bewusstheit wird es uns möglich, Verwechslungen, die immer auch dem von Ken Wilber beschriebenen Prä-Trans-Fehlschluss verfallen sind, zu durchschauen und zu erkennen, wo sich relatives Wissen als absolutes ausgibt. Solche Verkleidungen geschehen zumeist in guter Absicht und aus mangelnder Selbstreflexion. Sie können aber, wie schon in anderen Beiträgen zu dem Thema dargestellt, Menschen in die Irre führen und damit Schaden anrichten.

Die Flüchtigkeit des Absoluten


Die absolute Wahrheit gibt es nicht in einer fixen Form. Sie ist beweglich wie ein Quecksilberkügelchen. Wer sie fassen will, hält nur einen relativen Abklatsch von ihr in der Hand. Alles, was sich unserem Zugriff entzieht, macht uns misstrauisch und fordert unsere Kontrollzwänge heraus. Wir wollen, was wir schon einmal hatten, sicherstellen, damit wir es immer wieder kriegen können, wann wir es brauchen. Ähnlich wie die reichen Länder der Welt die Rohstoffquellen dieser Erde unter ihre Kontrolle behalten wollen, damit sie ihr verschwenderisches Leben unbehindert weiter führen können, möchten wir auch unsere inneren Schätze in einem imaginären Tresor verwahren, wo sie uns niemand nehmen kann und wir sie zu jeder Zeit für unsere Zwecke nutzen können.

Da eine der zentralen Fähigkeiten, die wir brauchen, um in der Welt des Relativen erfolgreich zu sein, im Täuschen und im Selbsttäuschen besteht, fällt es uns nicht auf, wenn wir eine absolute Wahrheit mit einer relativen vertauschen. Doch woran können wir erkennen, dass wir uns selbst oder andere auf den Holzweg geführt haben?

Jede Wahrheit, die unbeweglich und in einem starren sprachlichen Korsett präsentiert wird, kann nicht absolut sein, so schön sie auch klingen mag. Vielmehr haben wir es mit einem Dogma zu tun. Die Wahrheit ist zu einem Ding geworden, das gegen jedes andere Ding ausgetauscht werden kann. Die Richtigkeit beruht nur auf der Autorität dessen, der sie verkündet hat. Wie die Geschichte zeigt, lassen sich mit Gewalt alle Wahrheiten durchsetzen, außer die absoluten.

Wahrheit und Kritik


Relative Wahrheiten sind grundsätzlich kritikfähig, was ihren Inhalt anbetrifft. Jede relative Einsicht kann ganz einfach auch anders sein. Relativ betrachtet, ist es gleich richtig, ob das Licht eine Wellen- oder eine Teilchennatur hat. Wir brauchen nur den Blickpunkt zu verändern, schon schaut alles anders aus. Jede relative Erkenntnis steht in Konkurrenz zu anderen Ansichten. Sie unterliegt allen Formen der emotionalen und rationalen Kritik. Gerade deshalb gibt es immer wieder die krampfhaften Versuche, relative Wahrheiten unter dem Schleier der Absolutheit vor Kritik zu immunisieren.

Die absolute Wahrheit fürchtet keine Kritik, sie braucht sie aber nicht, weil sie in sich einleuchtend ist. Wird an ihr Kritik geübt, so kommt diese aus einem fehlenden Verständnis von der Tiefe des Gesagten. Wenn jemand sagt: „Alles ist eins“, wird jemand, der ganz dem Relativen verhaftet ist, meinen, dass das nicht einmal auf einen Eintopf zutrifft, solange man Kartoffel und Karotten unterscheiden kann, geschweige denn dass das auf das ganze Universum bezogen werden könnte. Doch verfehlt eine Kritik aus dieser relativen Ecke den Erfahrungskern des Satzes, der eben auf der relativen Erfahrungsebene nicht zu finden ist.

Das ist auch das defensive Standardargument, das jeden gestandenen Skeptiker zur Weißglut treibt, wenn ihm jemand aus der spirituellen oder esoterischen Welt berichtet. Gleich ob prä- oder transrational, also der Prä-Trans-Verwechslungsecke kommt: Mitreden kann nur, wer die entsprechende Erfahrung gemacht hat. Und damit öffnet sich ein Graubereich, der mit dem Reinheitsgebot einer intellektuellen und spirituellen Redlichkeit in Konflikt kommt.

Doch die transrationale Erfahrung – und das unterscheidet sie von der prärational-esoterischen – ist so beschaffen, dass sie dem rational denkenden Menschen zumindest intellektuell verdeutlichen kann, warum bestimmte Einsichten nur auf einer vertieften Erfahrungsebene Sinn machen. Es ist argumentierbar und kann einem verantwortungsbewussten Rationalisten verständlich gemacht werden, wo die Grenze der Rationalität liegt. Soweit reichen eben die Argumente, und das Jenseits der Argumente ist nur dem zugänglich, der bereit ist, seine einschränkenden Denkgewohnheiten zurückzulassen.

Der kommunikative Raum des Absoluten


Absolute Wahrheiten kann man nicht zwischen zwei Buchdeckeln kaufen oder aus einschlägigen Seminaren in der Aktentasche mitnehmen. Sie erscheinen nur unter ganz bestimmten Bedingungen, wie Glühwürmchen zu Sommerbeginn. Es ist eine nicht konventionelle Form der Offenheit bei der Sprecherin und beim Empfänger erforderlich, damit sich eine absolute Wahrheit als solche überhaupt manifestieren kann. Diese Form der Offenheit ist dann möglich, wenn weitgehend alle emotionalen und mentalen Einschränkungen zurückgenommen sind. Sowohl der Sprecher wie die Empfängerin müssen in der Lage sein, ihre konventionellen Sprech- und Wahrnehmungsgewohnheiten abzulegen. Das ist dann möglich, wenn die emotionalen Fixierungen, die die Gewohnheiten an ihrem Platz festhalten, also vor allem die alten Ängste, aufgelöst sind.

Angst- und vorurteilsfrei sowie mit dem gebührenden Respekt müssen wir in den Raum der absoluten Wahrheit eintreten, dann wird sie sich zeigen. Nehme ich nun eine solche Wahrheit, der ich teilhaftig geworden bin, und trage sie in die Welt der Relativität, so werde ich erkennen, dass sie verblasst und ihre Kraft verliert, weil die Menschen, auf die sie trifft, sie nicht empfangen können. Sie wollen nur, dass ihre Vorurteile und Ängste bestätigt werden und bekämpfen alles, was diese in Frage stellt. Der Weise erkennt daran, dass geschwiegen werden muss, wo nicht geredet werden kann.

Die Lehrerin dagegen, die übersehen hat, dass sie das Heiligtum verlassen hat und auf den Marktplatz getreten ist, wird vielleicht Wege der Überzeugung und Überredung suchen, um ihre Wahrheit „an den Mann“ zu bringen. Sie macht dann schnell die Erfahrung, dass manche Leute fasziniert sind, weil sie die Wahrheit hinter der Überzeugung spüren, die ihre Sehnsüchte nach Befreiung anspricht. Deshalb werden sie der Lehrerin folgen und ihre Lehren übernehmen. Solange sie jedoch selber nicht ins Heiligtum eingetreten sind, werden sie nicht verstehen, worum es wirklich geht. Und die Lehrerin kann der Versuchung verfallen, die Schüler statt ins Heiligtum in die Irre zu führen, indem sie sich selbst und ihre Lehren als das Heiligtum darstellt. Damit ist die absolute Wahrheit von beiden Seiten, Sprecherin und Hörer, relativiert und verdinglicht.

Im System der Vorurteile und Ängste wird die absolute Wahrheit ein Spielball von allen möglichen Interessen und Motivationen. Dann können mit ihr Geschäfte gemacht, Abhängigkeiten aufgebaut, Lehrgebäude errichtet werden. Die Sehnsüchte werden mit Fantasien und Illusionen gefüttert, und die Seelen der Suchenden regredieren in einen dumpfen Kindheitsschlummer, den sie für ein tiefes Erwachen halten.

Die absolute Wahrheit zerfällt also sofort, wenn die Bedingungen ihrer Existenz verloren gehen. Sie ist wie eine sensible Pflanze, die nur in einem fein  abgestimmten Ökosystem wachsen und gedeihen kann.

Wahrheit und Aggression


Wahrheiten, die mit Aggressivität und mit der Abwertung von Andersdenkenden vertreten werden, entlarven sich selbst als relative, die sich als absolute verkleidet haben. Relative und absolute Wahrheiten kann man nicht an den Worten unterscheiden, sondern am Kontext, in dem sie ausgesprochen werden. Damit wird auch jede Form der Missionierung obsolet, denn die absolute Wahrheit will nur einleuchten und nicht überzeugen. Sobald sie erkannt, verstanden und inkorporiert worden ist, hat sie ihren Sinn erfüllt.

Die absolute Wahrheit braucht keine Schutzgefühle wie Angst oder Aggression. Sie wirkt oder sie wirkt nicht, je nach Kontext und Empfänger. Sie kann nicht um Verständnis und Akzeptanz kämpfen. Sie weiß, dass ihre Wirkmächtigkeit vom Erfahrungsgrad und emotionalen Zustand des Empfängers abhängt. Denn sie kann nur jemandem einleuchten, der sich ihr frei von Ängsten und Traumatisierungen nähert.

Kommentare:

  1. sehr gut beschrieben, diese Erfahrung machte ich nach meiner Zeit durch Krankheit und Veränderung, ich empfand es als Veränderung, andere als schweren Schicksalsschlag an dem man sterben kann.....hatte aber auch nicht das Bedürfnis das zu erklären...

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  2. Hier ist auch die Rede von absoluten Wahrheit e n. In dieser Welt von immenser Vielfalt gibt es unendlich viele relative Wahrheiten. Alles steht in Relation zueinander und erzeugt relative Wahrheiten (die allerdings immer wieder als absolut interpretiert werden, ohne es zu sein).

    'Absolut' bedeutet für mich: allumfassend, nichts weiter sonst. Nichts daneben.
    Stellte ich neben eine 'absolute' Wahrheit eine zweite 'absolute', würde das nicht bedeuten, dass die erste nicht mehr wahr ist oder auch andersherum?
    Zwei- oder mehrmals absolut, ist das möglich?

    Für mich kann absolute Wahrheit nur einmalig sein. Absolut ist absolut.
    Und: wahr ist wahr und sonst nichts weiter. Mehr als wahr gibt es nicht und auch nicht weniger.

    Ich bin der Überzeugung, dass vom Standpunkt des Relativen aus die absolute Wahrheit niemals in ihrem ganzen Ausmaß erfasst werden kann, wenn ich mir vorstelle, dass möglicherweise die absolute (allumfassende) Wahrheit das Relative umgreift, sodass allein schon dadurch keine Sicht auf das Ganze möglich ist; in Ausnahmezuständen höchsten eine Ahnung davon.

    Demnach können wir aus dem Relativen heraus nach der Wahrheit tastend greifen und dabei nur Teile /einzelne Aspekte der absoluten Wahrheit zu fassen bekommen - oftmals nur kurzfristig. Wir können uns an dieser Erfahrung oder an der Erinnerung der Erfahrung entlang hangeln, um immer wieder ein Stück (mehr) mit der absoluten Wahrheit in Berührung zu kommen.

    Dieses "auf der Rechnung" zu haben würde dazu beitragen, sämtliche relative Wahrheiten als solche zu akzeptieren und tolerant zu sein gegenüber den relativen Wahrheiten anderer Menschen oder von Situationen.

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    1. Mit dem Plural der absoluten Wahrheit ist gemeint, dass es verschiedene sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten dieser Wahrheit gibt, sodass sie in verschiedenen Formen erscheinen kann, gäbe es nur eine, wäre das ein Superdogma. Diese verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten, die die absolute Wahrheit finden kann, widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich. Da unsere Sprache relativ und begrenzt ist, gibt es keine "einzige" und alleingültige Form der absoluten Wahrheit.

      Danke auch für den Hinweis im letzten Absatz: Wenn alle, die relative Wahrheiten als absolute vertreten, diese Verwechslung erkennen und zurücknehmen, wird es viel mehr Frieden auf der Welt geben.

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    2. Lieber Wilfried, danke für deine Antwort.

      Ja, Sprache kann nie die Ausdrucksformen des Seins adäquat beschreiben. Sprache kann nur symbolisch Bezug darauf nehmen und gibt dadurch einen "Bericht" über das Sein, der dieses nur eingeschränkt darstellt.

      Mir geht es nicht um diese symbolische (sprachliche) Ebene, wenn ich von absoluter Wahrheit spreche, sondern um ihre Seinsebene.
      Sprachliche Ausdrucksformen gibt es viele, aber auf Seinsebene gibt es nur eine Wahrheit, wie ich denke.

      Die absolute Wahrheit kann sprachlich ebenso wenig umfassend beschrieben werden wie alles Relative. Aber ich denke, sie kann punktuell seinsmäßig erfahren und dadurch ein Stück weit erkannt werden.
      Letztlich ist diese Erfahrung eine höchst individuelle Angelegenheit, sodass man sagen könnte, dass es genauso viele Zugangswege zum Sein der absoluten Wahrheit gibt, wie es Menschen gibt.

      Der Konflikt entsteht, wenn die individuellen Erfahrungen auf der sprachlichen Ebene (begrenzt) dargestellt, oft auch von anderen übernommen und dann noch zum Dogma erhoben werden. Dann steht Dogma neben oder eben auch gegen Dogma.

      Behalte ich jedoch ihre Seinsebene im Auge, wenn ich von der absoluten Wahrheit spreche und bin klar darin, dass Sprache nur begrenzt das wiedergibt, was ist, dann fällt es mir leicht, von einer Dogmatisierung zurückzutreten.

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    3. Liebe Ruth, danke auch für die Klarstellung. Ich sehe das genauso. Spitzfindig könnte man sagen, wir wissen nicht einmal und brauchen es auch nicht zu wissen, ob die Wahrheit auf der Seinsebene eine ist oder nicht, weil sie da einfach ist und die Frage sowieso nur auf der relativen Ebene ein Problem darstellt.

      Imagine there is no dogma...

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