Mittwoch, 11. März 2026

Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen

„Die Geschichte lehrt den Menschen, dass die Menschheit ein einziger ungeteilter Organismus ist.“ Mahatma Gandhi

Unser individuelles Bewusstsein steht immer mit einem kollektiven Bewusstsein in Verbindung, weil wir eben nicht alleine auf der Welt sind. Wir kommunizieren beständig mit der Welt um uns herum, zuerst und immer auch mit unserer Atmung und dann über die verschiedenen anderen Kanäle, bei denen die Medien in den letzten Jahrhunderten eine fortlaufend größere Rolle spielen. Diese Entwicklung scheint sich in jüngerer Zeit im Zug der digitalen Revolution enorm zu beschleunigen und eigene Formen des kollektiven Bewusstseins hervorzubringen.

Unter dem kollektiven Bewusstsein können wir nach dem französischen Soziologen Émile Durkheim gemeinsame Gefühle, Werte und Überzeugungen einer Gesellschaft oder der gesamten Menschheit verstehen. Katastrophen mit überregionaler Bedeutung erschüttern das Sicherheitsgefühl vieler Menschen. Die Endlichkeit tritt mit Wucht ins Bewusstsein und erzeugt den Eindruck des Kontrollverlusts und des Ausgeliefertseins an höhere Mächte und Gewalten. Der Glaube, dass alles gut weiter geht, wird jäh unterbrochen, während durch die Informationen und Bilder, die wir über die Medien konsumieren, sekundäre Traumatisierungen auftreten können. 

Angesichts der Verunsicherung werden individuelle und kollektive Überlebensprogramme aktiviert, die zu spontaner Solidarität führen können, aber auch innere Ängste verstärken. Zunächst schart sich die Gesellschaft um die Fahne (Der  „Rally 'round the flag“-Effekt) und krempelt die Ärmel hoch, um den von der Katastrophe Betroffenen Hilfe zu leisten. Im gemeinsamen Kampf gegen die Gefahr oder die entstandenen Schäden werden die Grenzen zwischen dem Wir und den Anderen überwunden. Dieser Effekt kann allerdings ins Gegenteil kippen, wenn die Angst wächst oder angefacht wird, sodass Teile des kollektiven Bewusstseins regredieren: Der Egoismus und der Gruppenegoismus nehmen wieder zu, Sündenböcke werden gesucht und Verschwörungserzählungen zur Rechtfertigung des Rückzugs aus der empathischen prosozialen Rolle eingesetzt. 

Die Messung von kollektiven Traumafeldern

Menschen sind in ihrem Wesen empathisch. Wir verfügen über Spiegelneuronen, die uns das Leid anderer nachempfinden lassen, ob wir es wollen oder nicht. Wenn uns die Nachricht von einer Katastrophe, unter der Menschen irgendwo auf der Welt leiden, erreicht, reagiert unsere Psyche mit Angst, Schmerz und Scham. 

Die Forschung hat sich dieser Phänomene angenommen. Es wird beispielsweise die „globale Stimmung“ über Reaktionen auf digitalen Medienplattformen mit einem Algorithmus erhoben, der „Hedonometer“ heißt und die durchschnittliche Glücklichkeit misst. Bei Ereignissen wie dem Beginn der COVID-19-Pandemie oder bei den Anschlägen in Paris 2015 sackte die Kurve weltweit zeitgleich ab. Man konnte eine massive Vereinheitlichung der Emotionen beobachten – die individuelle Varianz (der eine ist froh, der andere traurig) wurde von einer kollektiven Welle aus Angst oder Trauer überlagert.

Bei der Princeton University läuft ein Projekt zur Messung des globalen Bewusstseins, bei dem am 11. September 2001 signifikante weltweite Abweichungen von der Zufallsverteilung der Gefühle beobachtet werden konnte. Diese Abweichung begann kurz vor den Attentaten und kulminierte während der Ereignisse.

Neuropsychologische Untersuchung belegen den Effekt der psychologischen Synchronisation: Das Phänomen, das schon Durkheim als „kollektive Aufwallung“ beschrieben hat, besteht darin, dass es bei Teilnehmern von emotional aufwühlenden Veranstaltungen zur Synchronisation von Herzfrequenz und Atemmustern kommt. Eine Studie der Universität Zürich hat gezeigt, dass große Katastrophen das Angstzentrum (die Amygdala) einer ganzen Population gleichzeitig in Alarmbereitschaft versetzen kann.

Vermutlich spielt das Bindungshormon Oxytocin eine Rolle bei der Synchronisation von Gruppen, das bei geteiltem Schmerz vermehrt ausgeschüttet wird und den sozialen Zusammenhalt stärkt.

Die weltweite digitale Vernetzung hat dazu geführt, dass solche Gefühls- und Bewusstseinsfelder heute viel schneller aktiviert und aufgeladen werden, weil die Nachrichten ohne Verzögerung überall auf der Welt ankommen. Es ist nicht möglich, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Selbst wenn wir uns von allen Medien abschotten, bleiben wir Teil der emotional aufgeladenen Resonanzfelder, mit dem Nachteil, nicht zu wissen, um welche Katastrophen es sich handelt.

Die Mitgefühlserschöpfung

Da die Aktivierung von Mitgefühl mit den Opfern von Unmenschlichkeit und Naturgewalten viel Energie kostet, gibt es das Phänomen der Empathieerschöpfung, der compassion fatigue. Insbesondere das Mitleid, bei dem wir den Schmerz des anderen in unserem eigenen Schmerzzentrum fühlen, nimmt uns stark mit und führt ab einem gewissen Zeitpunkt zur Erschöpfung. Ein Mitgefühl, bei dem es gelingt, trotz der Anerkennung des Leides bei sich zu bleiben, ist dagegen leichter verträglich und enthält auch Aspekte der Belohnung: Notsuchenden Mitmenschen Hilfe zu leisten, erfüllt mit Befriedigung – solange, als die Hilfeleistung nicht in Mitleid kippt.

Dann kann es zu den Symptomen der Mitgefühlsmüdigkeit kommen: Emotionale Taubheit, Zynismus gegen die Opfer, sekundäre Traumatisierung (das Trauma der Opfer überträgt sich auf einen selbst), Gereiztheit und körperliche Beschwerden. Wer auf sich selbst beim Mitgefühl vergisst, beutet sich selbst aus und kann dann irgendwann nicht mehr menschlich handeln. 

Die Mitgefühlsverdrängung

Die Gefühle der kollektiven Traumafelder sind unangenehm und belastend. Deshalb mobilisieren wir Abwehr- und Verdrängungsformen, die uns helfen sollen, zu vergessen, was es an Unmenschlichkeit in der Menschengemeinschaft gibt. Verdrängung heißt, dass die Gefühle im Unter- und Hintergrund des Seelenlebens wirksam bleiben, sodass wir unterschwellig leiden, ohne dass uns der Ursprung dieses Leidens bewusst ist. Eine wichtige Form der Verdrängung stellen ideologisch aufgeladene Erzählungen dar, mit deren Hilfe das tief in uns verwurzelte Mitgefühl wegrationalisiert werden soll. Insbesondere Gruppierungen und Parteien, die dem extremeren Teilen des politischen Spektrums angehören, stellen solche Narrative zur Verfügung.

Wir können mitverfolgen, wie bei jeder Katastrophe Verschwörungserzählungen auftauchen, die beliebte Abwehrformen widerspiegeln. In Bezug auf die Klimakrise habe ich vor kurzem solche Geschichten beschrieben. Statt Mitgefühl und davon motiviertes hilfreiches Handeln zuzulassen, werden Katastrophen und damit das Leid der Menschen für andere Zwecke missbraucht.

Der vergebliche Kampf gegen die Endlichkeit und der Verkauf der Seele

Die Abwehr von Scham, Angst und Schmerz angesichts von Katastrophen der Menschlichkeit dient letztlich der Abspaltung der Endlichkeit, der wir alle unterworfen sind. Traumatisierende kollektive Ereignisse führen die Menschen an die Grenzen ihrer Macht. Um diese Grenzen nicht spüren zu müssen, sind Menschen immer wieder bereit, ihre Empathie für Ideologien zu opfern und damit selbstsüchtige Interessen zu bedienen. Es sind vor allem die Angst- und Schamgefühle, die aus dem seelischen Untergrund wirken und die Emotionen in Spannung halten. Um diese Belastungen abzubauen, werden Erklärungsmodelle gewählt, die zu einem Verstehen der unkontrollierbaren Ereignisse führen sollen. Die altbekannte und altbewährte Methode der Angst- und Schambewältigung besteht in der schon erwähnten Suche nach Sündenböcken, auf die die Verantwortung abgewälzt werden kann. Der Kampf gegen die Unausweichlichkeit des eigenen Todes wird übertragen auf einen Kampf gegen vermeintliche Bösewichter, deren Elimination den Schutz vor weiteren Katastrophen und insgeheim auch vor der Katastrophe des eigenen Todes verspricht.

Im berühmten Gedicht Bani Adam des persischen Dichters Saadi Shirasi heißt es: „Dich, den fremdes Leid nicht im Herzen berührt, ziemt nicht, dass man den Namen ‚Mensch‘ dir führt.“ (تو کز محنت دیگران بی‌غمی نشاید که نامت نهند آدمی). Wer die Empathie verdrängt und abspaltet, für welchen Zweck auch immer, spaltet die eigene Menschlichkeit von sich ab. Der Preis für den scheinbaren Schutz vor den eigenen unangenehmen Gefühlen ist hoch: Der Verkauf der Seele an den Teufel der Selbstsucht und des Hasses. 

Die menschliche Würde bewahren wir hingegen, indem wir die Gefühle von Angst, Scham und Schmerz zulassen können. Wenn wir sie bewusst zu uns nehmen, würdigen wir das Leid der betroffenen Mitmenschen und bleiben offen für das, was sie an Linderung und Hilfe brauchen. Es sind unsere Gefühle, die durch das Mitgefühl entstehen, und im Annehmen dieser Gefühle bleiben wir bei uns, ohne in die Selbstausbeutung des Mitleids zu kippen.

Zum Weiterlesen:
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