Montag, 12. Januar 2026

Misstrauen und Zukunftsbewältigung

Das Buch über die Misstrauensgemeinschaften von Aladin El-Mafaalani empfiehlt als Strategie gegen die Ausbreitung von Misstrauen das Gespräch und die Debatte. Sicher ist es gut, wenn mehr geredet und diskutiert wird. Die Frage bleibt dennoch, wer bei den guten Gesprächen und konstruktiven Debatten zuhört und wer nicht. Es gibt genug Erfahrungen, wie frustrierend und sinnlos es ist, mit ideologisch abgeschotteten Menschen weiterführende und öffnende Gespräche zu führen. Vermutlich gibt es einen bestimmten Prozentsatz an Menschen, die für die Botschaften aus der liberalen Demokratie nicht mehr erreicht werden können. Es ist die Rede von 10% der Bevölkerung, die paranoide Weltbilder verinnerlicht haben. Noch mehr sind nicht so schwer gestört, haben sich aber in Gegenpositionen gegenüber dem Staat oder gegenüber einzelnen Teilbereichen einbetoniert. So wünschen sich in Österreich laut einer aktuellen Umfrage 16% einen „Führer mit starker Hand“. 

Es bleibt dennoch noch eine mehr oder weniger große Mehrheit von Menschen, die sich eine gewisse geistige Flexibilität bewahrt haben. In keinem Land haben die Rechtspopulisten bisher mehr als 50% der Bevölkerung hinter sich geschart. Sie haben also überall die Mehrheit gegen sich, obwohl sie nicht müde werden zu behaupten, dass sie „das Volk“ vertreten und dass sie seine einzig wahre Stimme darstellen. 

Wie im vorigen Blogartikel dargestellt, spielt das Misstrauen in die Gesellschaft, das sich auch als Skepsis gegenüber der Zukunft äußert, eine wichtige Rolle bei der Ausbildung von autoritären Tendenzen und demokratiefeindlichen Haltungen. Im Folgenden gehe ich auf die Positionen einzelner Parteien ein, die wiederum mehr oder weniger genau bestimmte Gruppen in der Gesellschaft repräsentieren.

Die Parteien und die Zukunft

Viel beschrieben wurde die Erosion der konservativen Parteien im Zug des Aufstiegs der rechten Ideologen. Die konservative Haltung der Bewahrung des Alten und der vorsichtigen Öffnung für das Neue hat in einer Gesellschaft, in der die Neuerungen immer schneller auftauchen und die volle Aufmerksamkeit auf sich bündeln, an Anziehungskraft verloren. Es ist keine taugliche und glaubhafte Methode, mit alten Rezepten bisher unbekannte neue Herausforderungen bewältigen zu wollen. Vieles an den Werten, die Konservative vertreten, ist wichtig für die Zukunft – es sind die Werte des Humanismus und der Aufklärung, die mittlerweile Teil dessen sind, was konserviert werden muss, um nicht von den Zeitläuften weggeschwemmt zu werden. Doch entfernen sich viele Konservative gerade von diesen Werten, indem sie einerseits in der Wirtschaftspolitik dem neoliberalen Druck nach Profitmaximierung um jeden Preis nachgeben und indem sie sich andererseits dem rechtspopulistischen Druck nach Abschottung gegenüber der Migration anpassen und versuchen, mit moderatem Tonfall eine inhumane Ausländerfeindlichkeit zu propagieren. Die Versuche, die Rechtsparteien rechts zu überholen, sind bisher immer gescheitert und nach hinten losgegangen, werden aber weiterhin, offenbar mit einem Mut der Verzweiflung und wider besseres Wissen, fleißig betrieben. Jedenfalls kann mit diesem Vorgehen kein mitreißendes Szenario für die Zukunft entworfen werden.

Aber auch die sozialdemokratischen Parteien haben in den letzten Jahrzehnten viele Federn lassen müssen. Ihr zentrales Anliegen, die Schwachen in der Gesellschaft zu stützen, stößt gerade bei diesen zunehmend auf taube Ohren. Sie haben sich lieber vermehrt den Rechtspopulisten zugewandt, die einen grundsätzlichen und schnellen Wandel mit einfachen Rezepten versprechen. Auch wenn die Rechtsparteien in den Parlamenten regelmäßig gegen die Interessen der Ärmeren und Schwächeren in der Gesellschaft stimmen, gelingt es ihnen, von diesen als Fürsprecher wahrgenommen zu werden. Den vielen Misstrauischen in den benachteiligten Gruppen der Gesellschaft erscheinen die Sozialdemokraten als abgehobene Vertreter des Systems, das sich nicht um sie kümmert. Also liegt die Herausforderung für diese Parteien, den Diskurs über soziale Gerechtigkeit in die eigenen Reihen zurückzuholen und damit an die Tradition von 200 Jahren erfolgreichem Kampf für sozialen Ausgleich anzuknüpfen. In diesem Bereich gibt es viel Spielraum für positive Zukunftsaussichten, denn auch wenn schon vieles erreicht wurde, liegt noch vieles im Argen.

Die ökologischen Parteien haben die vielen Umwelt- und Klimaprobleme vor Augen und weisen immer wieder darauf hin. Sie können wenig Hoffungsvolles verkünden, weil die destruktiven Entwicklungen schneller voranschreiten als die zögerlichen Gegenmaßnahmen. Sie werden oft deshalb angefeindet, weil sie die Gefahren für die Menschheit benennen und Änderungen einfordern, die alle betreffen würden und unter Umständen Einschränkungen mit sich bringen. Da viele der dringend notwendigen Maßnahmen auf die lange Bank geschoben werden, gibt es auch unter den Grünen einige, die dem herrschenden politischen System gegenüber misstrauisch sind. Zwar fordern nur wenige eine Öko-Diktatur, aber die Enttäuschung über die fehlende Reformbereitschaft lässt viele an der Effektivität der liberalen Demokratien zweifeln. Dennoch sind auch diese Gruppierungen in der Pflicht, positive Perspektiven in die Zukunft zu entwerfen, um dem Zweifel und dem Misstrauen entgegenzuwirken. Es wäre ein wichtiges Anliegen, darauf hinzuweisen, dass in unseren wohlhabenden Gesellschaften ein Rückgang des materiellen Wohlstandes bei gleichzeitiger Steigerung der Qualität des Lebens in vielerlei Hinsicht wünschenswert und lohnend wäre. Das Schrumpfen als Zukunftschance verständlich zu machen, ist eine Herausforderung speziell für die öffentliche Kommunikation der Grün-Gruppierungen.

Die liberalen Parteien sind meist eng mit der kapitalistischen Wirtschaft verbunden. Ihre Zukunftshoffnungen richten sich darauf, dass die Wirtschaft alles richten wird, wenn sich der Staat möglichst wenig einmischt. Sie sind also jene, die für eine Entbürokratisierung eintreten, um den Staat wieder handlungsfähiger zu machen. Doch die rein ökonomisch und technologisch ausgerichteten Zukunftsorientierungen sind für viele, die eben Opfer der Wirtschafts- und Technikdynamik geworden sind, kein tragfähiges Versprechen. Außerdem haben die Liberalen und Neoliberalen kein Rezept gegen das zunehmende Auseinanderklaffen von Armut und Reichtum, das die wenigen, die schon viel haben, begünstigt, und die vielen, die wenig haben, benachteiligt. Ebenso ist der Kapitalismus ungeeignet für die Sicherung des Überlebens der Menschheit angesichts der Erderwärmung. Ohne staatliche Lenkung können hier keine entscheidenden Weichenstellungen erfolgen.

Die rechten und rechtsextremen Parteien bieten eine ganze Menge an Versprechen. Doch halten diese nur solange, als diese Parteien in der Opposition sind. Kaum haben sie die Macht, sind sie mindestens so korrupt wie andere Politiker, verhalten sich wie eine Elite und erweisen sich als unfähig, die anstehenden Probleme konstruktiv zu bewältigen. Diese Erfahrungen gibt es inzwischen ausreichend. Dennoch lernen viele Menschen mehr über den Irrtum als über die Einsicht, sodass bestimmte Fehler immer wieder gemacht werden müssen und auf diese Weise viel Sand ins Getriebe der gesellschaftlichen und sozialen Evolution bringen.

Die Chancen im Bildungssystem

Nachdem die Parteien in ihren Ideologien befangen sind, taugen sie nur sehr beschränkt zum Aufbau von Vertrauen in die Zukunft. Also fällt die Aufgabe an andere Bereiche der Gesellschaft: Das Bildungssystem spielt eine Schlüsselrolle, weil in der Schullaufbahn viele Weichenstellungen für die Zukunftserwartungen bei Jugendlichen erfolgen. Die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion ist mittlerweile eine Schlüsselqualifikation im Umgang mit der digitalen Medienwelt und damit auch mit Populismus und Verschwörungserzählungen, und sie kann in den Schulen erworben werden. Es geht dabei um die Schulung eines gesunden Misstrauens, mit dem Fakten von Fantasien und Lügen, die in immer raffinierten Formen angeboten werden, unterschieden werden können. In der Tradition der Aufklärung ist die Fähigkeit, konstruktiv Falsches oder Unklares zu kritisieren, ein wichtiges Bildungsgut, mit dem die Immunisierung gegen Ideologien gelingt. Schulen sollten die Orte sein, an denen mit Freude neues Wissen erworben wird, nicht Orte, die mit Angst vor negativen Beurteilungen betreten werden. Neue Kompetenzen zu erwerben und dafür Anerkennung zu bekommen, stellt eine gute Basis für das Vertrauen in die Zukunft dar. Eine gute Schulausbildung vermittelt fundierte Einblicke in die Fortschritte der Menschheit im Lauf der Kulturgeschichte, wodurch deutlich wird, was alles nicht selbstverständlich ist, sondern von den Menschen gegen Widerstände errungen und erkämpft wurde, und auch, über welche kreativen Kräfte die Menschheit verfügt, die sich insbesondere unter demokratischen Umständen entfalten können. Darin ist die Zuversicht enthalten, dass der Lauf der Geschichte dadurch geprägt ist, dass vieles besser und nur manches schlechter wird. Diese Zuversicht überträgt sich in die Bereitschaft, an diesem Fortschritt nach eigenen Kräften mitzuwirken statt in misstrauischer Resignation zu versinken.

In den verschiedenen Feldern der Erwerbstätigkeit kommt es auf ähnliche förderliche Umgangsformen an, damit die innere Motivation und damit das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft erhalten bleiben. Respekt und Anerkennung von Leistung, Kritik bei Fehlern ohne persönliche Abwertung und die Förderung von Talenten sind wichtige Faktoren, damit Jugendliche mit Vertrauen in die Zukunft blicken können.

Die einfachen menschlichen Tugenden

Es geht also im Grund um die einfachen menschlichen Tugenden im Umgang miteinander, die Vertrauen fördern. Wer eine menschenwürdige Gesellschaft will, ist aufgerufen, sie in all den verschiedenen Beziehungen, in denen man steht, verantwortungsvoll zu leben. Das ist ein Ziel, auf das sich vermutlich fast alle Menschen einigen können. Selbst hartgesottene ideologiegetränkte Rechtsextremisten wollen nichts anderes als eine Gesellschaft, in der sie sich als Menschen geachtet fühlen. Sie sollten nur verstehen, dass sie dazu nur kommen können, wenn sie selbst möglichst allen Menschen Achtung entgegenbringen.

Die Missachtung der Grundtugenden ist es, die das Vertrauen untergräbt und dazu führt, dass Ressentiments gegen die Gesellschaft entstehen, die dann schrittweise zu Haltungen des normativen Misstrauens und einer kategorischen Feindschaft führen. Umgekehrt: Jede angewandte Tugend des Respekts, der Freundlichkeit und der offenen Annahme baut Vertrauen auf und stärkt die gesellschaftlichen Bande. 

Vertrauen – ein Zustand mit vielen Potenzialen

Wir sollten dazu auch immer bedenken, dass ein Mensch, der sich selbst und der Gesellschaft, in der er lebt, vertrauen kann, den besten Zugriff auf seine Kompetenzen und Ressourcen hat. Im Misstrauen festzustecken, heißt in Angst zu leben, womit wichtige Fähigkeiten blockiert sind. Wenn wir also unsere Zukunft mit all ihren Herausforderungen meistern wollen, sollte es unser Herzensanliegen sein, unser Möglichstes zu tun, damit das Vertrauen in der Gesellschaft wachsen kann. So steigert sich auch die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, die uns in der Zukunft erwarten.

Misstrauen zu säen setzt Rückkoppelungsschleifen in Gang, die die Unsicherheit und Ängste in der Gesellschaft steigern. Vertrauen zu pflegen und weiterzugeben fördert den Mut und die Zuversicht, die Chancen zu ergreifen, die in jeder Situation liegen, und die Zukunft als offen und gestaltbar wahrzunehmen.

Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025

Zum Weiterlesen:
Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen
Ästhetik des Schrumpfens
Über das Leben mit Ungewissheiten
Realoptimismus angesichts der Klimakrise


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen