Sonntag, 20. September 2015

Die Flüchtlinge in unseren Köpfen

Europa steht inmitten eines massiven humanitären Problems. Hunderttausende Flüchtlinge
Quelle: vienna.at
aus den Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens suchen Schutz in den sicheren Ländern Mittel- und Westeuropas. Ich möchte hier nicht die bekannten und viel diskutierten Hintergründe dieser Entwicklung erörtern, sondern auf die Auswirkungen eingehen, die wir beobachten können, wenn das Problem in unsere nähere und nächste Umgebung vordringt.  Was macht diese Situation in unseren Köpfen, also in denen, die auf der sicheren Seite sind?

Humanitär ist das Problem, weil es um das Schicksal von Menschen geht, die in existentielle Notlagen geraten sind und die deshalb auf die Mithilfe anderer Menschen angewiesen sind, um überhaupt überleben zu können oder um irgendeine Chance zu haben, ihr Überleben menschenwürdig zu machen. Sind also die, denen es besser geht, bereit, mit denen zu teilen, die nichts oder fast nichts mehr haben? Das ist die humanitäre Frage, die erst beantwortet werden muss und dann in die kleinen und kleinsten Details des „Wies“ des Teilens heruntergebrochen werden kann.

Wir sind also in unserer Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit gefragt. Und diese Frage, die durch die Tatsache von Abertausenden verzweifelten Habenichtsen im Raum steht, konfrontiert mit allen Ängsten, die wir um unser eigenes Menschsein haben: Ängste um Arbeitsplätze, Pensionen und Sicherheit, schließlich um die Kultur und die Religion, Ängste vor dem Fremden und vor Überfremdung, Ängste vor eingeschleusten Terroristen, Ängste vor einem „vollen Boot“ (die Metapher ist ja reichlich zynisch, angesichts der überfüllten Boote, die sich über das Mittelmeer quälen und im Glücksfall ankommen oder in Küstennähe untergehen). Es zeigt: alle sind betroffen, aber diese Betroffenheit ruft bei vielen vor allem die eigene Abwehr hervor, während andere sich berufen fühlen, zu helfen und die Not zu lindern.

Viele, die nicht direkt davon betroffen sind, sondern gemütlich und aufgeregt aus dem Abstand zuschauen, nutzen das, um ihre Lieblingsthemen aufzubauschen und die Schuldigen anzuprangern: Islam, EU, USA, Russland, die Regierung, die Linken, die Rechten, die Einheimischen, die Zugewanderten, die Asylanten und die Asylsucher usw.

Auf diesem Boden der Abwertung, der Missgunst und des Hasses werden Gerüchte gestreut, um die eigene Sichtweise zu zementieren. Und sie finden reißenden Absatz. So wird behauptet, dass Flüchtlinge in Supermärkten ungestraft Sachen mitgehen lassen dürfen, was nicht stimmt. Andere sagen, dass die IS die Flüchtlingsströme nutzt, um Terroristen einzuschleusen, was auch nicht stimmt. Die Flüchtlinge sollen gar nicht aus Kriegsgebieten stammen, sondern nur Wirtschaftsflüchtlinge sein, die die gegenwärtige Situation ausnutzen, was zum Teil stimmt, aber vermutlich zu einem ziemlich minimalen. Die Flüchtlinge sollen Krankheiten einschleppen, was nicht stimmt.

Kaum wird ruchbar, dass österreichische Taxifahrer für eine Fahrt von der ungarischen Grenze nach Wien unverschämte 1500,- € verlangen (für Einheimische kostet die Fahrt 150,- €), melden sich die Stimmen, die sagen, dass man daran sehen könne, wie reich die Leute sind, die da über die Grenze kommen, nicht bedenkend, dass viele der Flüchtlinge nichts mehr haben als das Geld, das ihnen noch vom Verkauf ihrer Mittelstandsexistenz in ihrem Heimatland geblieben ist und das von den sonstigen Schlepperhonoraren übriggeblieben ist. Schlepper im eigenen Land, im biederen Stand des Taxigewerbes – wer hätte das gedacht?

Es entstehen also Bedrohungsszenarien in den Kopfkinos der Satten und Sicheren, die um ihre Sattheit und Sicherheit fürchten und jeden Gedanken dankbar aufgreifen, der ihr Gewissen beruhigt. So können sie un-verschämt sagen, dass Flüchtlinge bleiben sollen, wo immer, nur nicht bei uns, dass wir uns auch mit einem Zaun (Stacheldraht-Vorhang) umgeben müssen, dass niemand mehr herein gelassen werden soll usw. Argumente gegen die Humanität sind gefragt, und wenige machen sich die Mühe, die ausgestreuten Hetzparolen, Gerüchte und Mythen zu überprüfen.

Die Krise ist, wie jede, ein Prüfstein der Kraft, Reife und Verantwortung der Gesellschaft. Zieht sie sich durch Abschottung auf die eigene Wohlhabenheit zurück und wirft denen draußen vor dem Zaun ein paar Brotkrumen zu, wenn ihr danach ist? Oder nutzt  sie in dieser Krise die Chance zur Weiterentwicklung der Integrationsfähigkeit, Flexibilität und Kreativität?  Humanität ist ein Projekt, das unser volles Engagement braucht, wenn wir selber Mensch sein wollen und nicht bloß ein angstgetriebener Reflexorganismus, der nicht in der Lage ist zu teilen, weil das eigene Überleben bedroht erscheint, sobald andere näher rücken, deren Überleben tatsächlich in Gefahr steht.

Ist es wirklich unser Verdienst, dass wir diesen Wohlstand und Reichtum haben, diesen Grad an Sicherheit und Entwicklungschancen? Es gibt genug Stationen in der Geschichte unseres Landes und unserer Gesellschaft, wo viele die Auswanderung und Flucht als einzige Möglichkeit gesehen haben. Die, die es geschafft haben, können denen danken, die die Humanität aufgebracht haben, von ihrem Überfluss zu teilen. 


Vgl.: Großprobleme und der Drang zum Irrationalisieren
Für ein Verbot der Angstmacherei

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