Sonntag, 23. Juni 2013

Esoterik und Wissenschaft 1 - Zum Begriff der "Energie"

In der Wochenzeitschrift DIE ZEIT ist am 16. Mai 2013 ein Schwerpunktthema zur Esoterik unter dem Titel „Die Renaissance der Unvernunft“ erschienen. Nachdem mich der Begriff der Esoterik immer wieder beschäftigt (es gibt dazu ein Diskussionsforum auf der Weltinnenraum-Seite), möchte ich zu einzelnen Beiträgen in der ZEIT ein paar Bemerkungen machen. Hier zunächst ein Kommentar zum Begriff „Energie“.

Ein Beitrag in der Zeitung widmet sich nämlich der Jargonkritik. Esoteriker verwenden gerne wissenschaftliche Begriffe für „Hokuspokus“, wie es der Autor ausdrückt: Energie, Feinstofflichkeit, erweiterte Empirie, Quantentheorie und Paradigmenwechsel.

Der Begriff der „Energie“ ist tatsächlich ein recht vages Gebilde, aber offenbar benötigen wir ihn in Ermangelung eines besseren. Manche professionelle Skeptiker schreien gleich auf, wenn jemand den Begriff der „Energie“ in einem nicht-physikalischen Sinn verwendet, so als hätte die Physik das Patent auf dieses Wort und jeder potentielle Verwender müsste erst einmal bei einem physikalischen Universitätsinstitut um Erlaubnis nachsuchen, bevor er das Wort aussprechen darf.

Die Aufregung ist aber meist umsonst. Es ist wohl den meisten Esoterikern und Nichtesoterikern klar, dass, wenn sie von Energie reden, nicht der strenge physikalische Bezugsrahmen gemeint ist.

Physikalisch ist mit Energie die Fähigkeit gemeint, Arbeit zu leisten, wobei Arbeit mit Kraft mal Weg definiert ist. Wenn jemand sagt, er habe nicht genug Energie, um z.B. nach einem langen Arbeitstag noch dieses oder jenes zu unternehmen, so denkt er dabei nicht an die Physik, sondern an seinen eigenen Körper und Seelenzustand, der ihm signalisiert, was er braucht. Diese Person verwendet einen Begriff, der offenbar die innere Befindlichkeit wiederzugeben vermag, so, dass sie auch von anderen verstanden wird (wenn es nicht gerade ein notorischer Skeptiker ist). Allerdings wird auch hier auf die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten, Bezug genommen: Meine Energie ist so, dass ich dies machen kann und das andere nicht.

Der Unterschied liegt nur darin, dass die Energie im physikalischen Setting anders gemessen wird als im alltäglichen. In der Physik kann man nur von Energie sprechen, wenn die Messgeräte dies anzeigen. Im Alltag nehmen wir als Messgeräte z.B. unseren inneren Sinn, der uns Bescheid gibt, wie wir „energetisch“ drauf sind. Die Physik stellt Energie „objektiv“ fest, also von außen, und so, dass jeder das nachprüfen kann, der Alltagsgebrauch verwendet ihn „subjektiv“, auf die Innenschau angewandt und so, dass er nicht nachgeprüft werden kann, ähnlich wie jemand, der einen Schmerz „ohne Befund“ hat, d.h. dass objektiv kein Defekt festgestellt werden kann und trotzdem ein subjektives Leiden vorliegt.

Wenn Esoteriker oder Energetiker von Energie reden, (z.B. jemand legt einer Person die Hand auf den Rücken und sagt: „An dieser Stelle ist wenig Energie“), so ist damit nicht der physikalisch-wissenschaftliche Begriff gemeint, und die Person wird auch nicht davon ausgehen, dass der esoterische Behandler eine physikalische Aussage trifft. Dennoch geht es auch hier  um einen erweiterten Begriff von Energie, denn der Behandler will offenbar mitteilen, dass der betreffende Bereich des Rückens eine bestimmte Arbeit nicht verrichten kann.

Die Angst der Esoterik-Kritiker, dass mit dem Gebrauch des Wortes „Energie“ einem naiven Kunden etwas als wissenschaftlich verkauft wird, was nicht wissenschaftlich ist, ist nur dort nachvollziehbar, wo betrügerisches Marketing für bestimmte Produkte oder Dienstleistungen betrieben wird und nichtmessbare Größen als messbare ausgegeben werden. Aber solche Betrügereien gibt es in esoterischen wie in nicht-esoterischen Kreisen. Gegen Schwindel ist es immer gut, sich ausreichend mit kritischem Rationalismus zu wappnen und z.B. nachzufragen, ob oder wie ein bestimmter Effekt eines Produkts denn wissenschaftlich gemessen werden könne.

In allen anderen Belangen geht es nur darum, dass sich die Gesprächspartner über den Kontext verständigen, in dem sie von Energie reden. Führen sie gerade einen Diskurs über Mechanik oder über Geistheilung?

Eine sinnvolle Anregung, die wir aus der Diskussion um den Energiebegriff nehmen könnten, wäre die, dass wir uns immer auch überlegen, ob es ein anderes Wort gibt, wenn wir versucht sind, von Energie zu reden. Das macht uns klarer, welchen Kontext wir meinen, und unsere Rede kann exakter werden. Auch können wir dann u.U. mehr Menschen erreichen, die kein Vor- oder Insiderwissen haben müssen. Wenn sich kein anderes findet, gibt es vielleicht auch keines. Schließlich haben wir auch im Bereich der Innenwelt in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten Entdeckungen gemacht, für die das vorhandene Sprachmaterial zur Beschreibung nicht ausreicht.


Vgl. Was ist Esoterik?

Kommentare:

  1. Lieber Wilfried,

    es scheint mir durchaus berechtigt und sinnvoll darauf hinzuweisen, dass eine nicht streng naturwissenschaftliche Begriffsverwendung von Energie gerechtfertigt sein kann und auch der Erkenntnisfindung dienen kann. Ironischer weise wurde gerade in den Naturwissenschaften, mit der "Fuzzylogik", die unscharfe Verwendung von Begriffen zu einem wichtigen Forschungsgegenstand. Dabei wird auch gezeigt, wie die nicht exakte Verwendung von Begriffen die Kreativität fördert und dadurch eine wichtige Rolle in der Erkenntnisfindung spielen kann.

    Die Art und Weise wie das Thema in "Die Zeit" behandelt wird ist meiner Meinung nach deshalb problematisch, weil nicht zwischen einer unscharfen Verwendung und einer beliebigen Verwendung des Begriffs Energie unterschieden wird. Eine beliebige Verwendung ist natürlich abzulehnen. Das wäre tatsächlich ein Rückschritt (vor die Vernunft) vor dem in "Die Zeit" zu Recht gewarnt wird. Um das beurteilen zu können ist es aber notwendig, sich zuerst auf die konkrete Verwendung einzulassen und sich damit auseinandersetzten - also die konkrete Verwendung einer Prüfung zu unterziehen. Wilfried, du hast das mit deinem Blog-Beitrag ja wunderbar gezeigt.

    Ich möchte aber noch auf einen anderen (allgemeineren) Aspekt eingehen, der mir diesbezüglich wichtig erscheint. Nämlich die Schwierigkeit der Verbalisierung sinnlicher Wahrnehmung. Es hat sich mitlerweile ja (selbst in der Entscheidungstheorie) herumgesprochen, dass sich viele Prozesse in unserem Körper/Gehirn und unserem Verhalten der sprachlichen Sphäre entziehen. Um sich diesem Wissen zu nähern und es auch im gesellschaftlichen Diskurs zugänglich zu machen, scheinen mir neue Wege der Erkenntnisfindung notwendig. Diese können zwar sicher nicht ohne Vernunft auskommen, sollten sich aber auch nicht von den Grenzen der sprachlichen Vernunft (und den darin möglichen Irrwegen) beschränken lassen.

    lG, Wolfgang

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    1. Lieber Wolfgang,
      ich finde den Hinweis auf die "Fuzzylogik" sehr wichtig, danke sehr. Er erinnert mich an die Polarität von Peripherie und Zentrum, wie sie in der Politikwissenschaft analysiert wird. Auch in den Naturwissenschaften gibt es zentrale "Horte der Wahrheit und der richtigen Lehre" und periphere Forschungsrichtungen. Gerade aus dieser Spannung erwachsen viele kreative Ideen, so ist z.B. auch die Relativitätstheorie vom Rand ins Zentrum gerückt, und die Quantentheorie ist heute erst auf dem Weg dorthin. Offenbar braucht das Scharfe das Unscharfe und umgekehrt.
      Auch die Unterscheidung von beliebiger und einer erweiterten Begriffsverwendung kann ich nur unterstreichen.
      Schließlich danke ich auch für den Blickpunkt des Verhältnisses von Sprache und Wahrnehmung, an dem sich gerade zeigt, dass wir vieldeutige Begriffe brauchen, weil die Sprache ein viel zu beschränktes Vokabular aufweist, als dass es z.B. die Innenerfahrungen in ihrer Vielschichtigkeit und Vielfalt adäquat wiedergeben könnte.
      Der Graben, der sich dann auftut, wenn Esoterik-Kritiker auf Esoterik-Erfahrene treffen, scheint unüberwindbar: Die einen verurteilen Erfahrungsberichte als beliebiges Gerede ohne Relevanz, die anderen verweisen darauf, dass das, wovon sie reden, nur durch die entsprechende (Innen-)erfahrung verstanden werden kann.

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  2. Lieber Wilfried,

    Deine Ausführungen zu Zentrum und Peripherie haben mich an eine Auseinandersetzung in der ökologischen Ökonomie erinnert. Dort findet die seit vielen Jahrzehnten bekannte Diskussion über Wirtschaftswachstum seit einigen Jahren anhand des Begriffes "Degrowth" statt. Auch die Kritik an Degrowth lautet, dass es sich um ein zu vages und nicht messbares Konzept handelt. Der Vergleich erfolgt dabei aus der Perspektive des Wirtschaftswachstums, dass in seiner konkreten und messbaren Form nichts anderes ist als eine soziale Konstruktion, deren Zielsetzung genau darin bestand, das Ausmaß der Produktion messbar zu machen. Eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Alternative, wie sie unter dem Begriff "Degrowth" zusammengefasst ist, kann das natürlich nicht leisten. Sie leistet aber etwas anderes - nämlich einen Diskurs über gesellschaftliche Zusammenhänge (und dabei vorwiegend ökologische und soziale - nicht nur die Dominanz der Produktion) zu ermöglichen. Genauso sind Konzepte wie "Freiheit" oder "Gerechtigkeit" nicht klar bestimmt und messbar. Ihre Relevanz im Diskurs und für die Erkenntnisfindung deswegen in Frage zu stellen wäre absurd.

    Der Graben zwischen jenen, die der Innenperspektive jeden Erkenntnisgehalt absprechen (Sktptiker) und jenen die sich darauf einlassen ist ein schwieriges Terrain. Welche Position jemand einnimmt hängt vielleicht auch mit der Frage zusammen, wonach die Person auf der Suche ist. Nach Erkenntnis im Aussen, nach Überprüfbarkeit und Reproduzierbarkeit - also nach einer spezifischen Art von Stabilität im Fall der Skeptiker oder nach Selbsterkenntnis und damit vielleicht auch Veränderung im anderen Fall.

    Was das verständlich machen der Innenperspektive betrifft finde ich, dass die Polyvagaltheorie sehr viel leistet. Was ich diesbezüglich auch sehr interessant finde (ohne viel darüber zu wissen) ist die Autoethnographie (Alexander arbeitet damit in seiner Dissertation, wenn ich ihn richtig verstanden hab). Dabei beziehen sich Autoren auf ihre eigenen erlebten Erfahrungen. Grundsätzlich ist es mir aber sehr unklar, wie eine Erkenntnistheorie aussehen kann und muss, welche die körperliche Ebene angemessen berücksichtigt.

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    1. Lieber Wolfgang,

      Danke für die interessanten Querverweise. Es scheint mir eine Hauptschwierigkeit in den Meinungsverschiedenheiten zwischen Skeptikern und Esoterikern darin zu liegen, dass die Skeptiker mit einem Wissenschaftsbegriff operieren, der nur für einen eingeschränkten Teil der Physik passend ist und schon für andere Naturwissenschaften viel zu eng ist, geschweigedenn für die Sozialwissenschaften.

      Ich denke, dass es nicht nur darum geht, was jemand sucht, sondern primär darum, von welchen Ängsten diese Suche gesteuert ist. Wenn eine Suche von sich aus ein Ziel verfolgt, dann kann es nicht darin liegen, andere Suchende zu bekämpfen. Wenn ich das Geheimnis der Quasare aufklären will, konzentriere ich mich darauf, möglichst viele Erkenntnisse über sie zu gewinnen und nicht darauf, welche Meinungen andere Leute über die Themen des Lebens haben. Wo gekämpft oder bekämpft wird, geht es um Ängste, die den Antrieb liefern. Jemand kann gegenüber allen möglichen Meinungen skeptisch sein, das ist gut so und fördert den kritischen Diskurs. Aber sobald es darum geht, anderen Menschen ihre Erfahrungen abzusprechen und umzudeuten, Sinnkonstruktionen, die sich Menschen bilden, als unsinnig abzuwerten usw., ist es nicht mehr der Impuls der kritischen Aufklärung, sondern der Missionar, der überall Dogmatismen sieht, die bekämpft werden müssen - mit dem eigenen Dogmatismus.

      Eine Weiterentwicklung der Erkenntnistheorie finde ich auch eine sehr interessante Herausforderung, die aber dringlich ist, weil wir Zusammenhänge brauchen statt Gräben. Ich denke, da ist schon einiges im Gang, durch die Polyvagaltheorie und auch durch die neueren Hirnforschungen. Auch die Epigenetik hat wichtige Impulse für die Erweiterung unseres wissenschaftlichen Paradigmas.

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  3. Lieber Wilfried,

    den Hinweis auf die Hirnforschung find ich sehr interessant. Hab ein Video entdeckt, indem ein Hirnforscher auf "Haltungen" (also innere Einstellungen) eingeht. Gerald Hüther erklärt darin die zentrale Rolle von Haltungen für das Verhalten, ihre Entstehung und Möglichkeiten der Veränderungen. So wie er Haltungen beschreibt besteht ein sehr enges Verhältnis zur Körper- und Atemarbeit. Hier der Link:
    http://www.youtube.com/watch?v=SQEq9trlaEk

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