Wenn wir merken, dass wir uns verlaufen haben, müssen wir umdrehen, bis wir zu einem Punkt kommen, an dem wir uns wieder orientieren können. Diese Wende beinhaltet das Eingeständnis, einen Irrtum zum Opfer gefallen zu sein. Irrwege begehen wir nicht nur auf unbekanntem Terrain, sondern auch in allen anderen Bereichen unseres Lebens. Immer, wenn wir auf neue Gebiete treffen, gibt es Phasen von Versuch und Irrtum, bis wir eine sichere Orientierung gefunden haben.
Auch bei der Suche nach dem „richtigen“ Leben können wir uns verlaufen. Irgendwann merken wir, dass wir auf einem Holzweg sind und müssen umdrehen. Wir haben uns verrannt – in eine Idee, ein Konzept, eine Illusion. Wir haben uns verschaut – in eine Meister- oder Lehrperson, die uns getäuscht hat, oder in eine Methode, die uns nicht weitergebracht hat. Die Seifenblase zerplatzt und wir stehen beschämt da. Die Scham macht uns auf unseren Irrlauf aufmerksam, der darin besteht, dass wir unserem Ego mehr vertraut haben als unserer intuitiven Einsicht. Die Scham fordert uns zur Umkehr auf: Statt dem Ego und seinen Blendungen zu folgen, sollten wir tiefer in uns hineinblicken, um zu erkennen, worum es uns wirklich in unserem Leben geht.
Die Umkehr besteht also in der Rückbesinnung auf das, was wir ursprünglich wollten. Und über dieses Wollen kommen wir mit zu unserem inneren Wesen in Kontakt, in dem alles gespeichert ist, was uns ausmacht: Unsere Werte, Potenziale und Visionen.
Die Metanoia
Das altgriechische Wort metanoia bedeutet so viel wie „Umdenken“. Die Präposition „meta“ steht für „nach“, „hinter“, „über“ oder „um“. Sie verweist auf einen radikalen Einschnitt, nicht auf eine oberflächliche Änderung, vergleichsweise wie der Schritt von einer Physik zu einer Meta-Physik, vom Materiellen zum Immateriellen, vom Relativen zum Absoluten. Es geht um einen tiefgreifenden Sinneswandel, bei dem das bisher gültige Welt- und Selbstbild durch ein neues ersetzt wird, das dem eigenen Selbst besser entspricht. Der Wortteil „noia“ verweist auf den „nous“, den Verstand, Geist oder die Vernunft. Die neue Orientierung, zu der die Umkehr stattgefunden hat, nutzt unsere höheren geistigen Funktionen und lässt sich nicht von vorläufigen Eindrücken, Vorurteilen und ungeprüften Spekulationen leiten. Die Umkehr im Sinn der metanoia beinhaltet also einen kritischen Ansatz, der vor allem das Ego und seine Ablenkungen offenlegt. Mit der Ausrichtung an der Vernunft transzendieren wir die Täuschungsmanöver, die von den Ängsten des Egos erfunden wurden, und besinnen uns auf unsere innere Wirklichkeit. Diese Realität unseres inneren Selbst wollen wir zur Wirkung bringen, indem wir uns selbst verwirklichen, und nicht irgendein Modell, das wir von anderen übernommen haben, oder eine an uns gerichtete Erwartung, an die wir uns anpassen. Unser individueller Beitrag zu dieser Welt ist es, den wir durch die Umkehr zu unserem Wesen finden und zum Ausdruck bringen.
Die Umkehr im Christentum
Die Umkehr ist ein zentraler Begriff im Christentum. Neben der moralischen Umkehr von der Sünde zu einem guten Leben geht es vor allem darum, dass der Mensch, der sich von Gott abwendet hat, seine Gesinnung ändern und sich wieder Gott zuwenden soll. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn wird diese Wendung dargestellt: Der Sohn, der sich vom Vater entfernt hat, kehrt zurück und wird liebevoll empfangen. Die Entfernung von Gott ist zugleich die Annäherung an die Sünde, an das verwerfliche selbstsüchtige Verhalten.
In einer anderen Interpretation dient die Umkehr der Abwendung vom Ego und der Zuwendung zur eigenen Göttlichkeit, die im Christentum durch die Menschwerdung Christi verkörpert ist. Es ist eine Hinwendung zum inneren Wesen, das dem Wahren und Guten verbunden ist.
Die Umkehr im Taoismus
Im Taoismus hat der Begriff der Umkehr einen wichtigen Platz; nicht als moralischer Akt, als Reue über sündhaftes Verhalten, sondern als Prozess, der aus den Fängen der Ablenkungen befreit und zur Verbindung mit dem Tao, der universellen Lebensenergie zurückführt. Es geht darum, den künstlichen Verformungen aus der Erziehung und aus der Gesellschaft zu entkommen und sich dem Fließen des Lebens anzuvertrauen. Laozi lehrte: „Umkehr ist die Bewegung des Tao.“ (Tao Te King, Kap. 40) Alles in der Natur kehrt zu seiner Wurzel zurück; alles menschliche Streben will sich letztlich diesem Ziel unterordnen.
Es ist eine Rückkehr von der zerstreuten Mannigfaltigkeit des täglichen Lebens und Treibens zur zentrierten Einfachheit. Der Prozess hat mehr mit dem Weglassen als mit dem Hinzufügen zu tun: Während die Welt nach der Mehrung von Fortschritt, materiellen Gütern und Wissen strebt, besteht die taoistische Umkehr darin, unnötiges Wissen, fehlgeleitete Ideen und selbstschadende Begierden abzulegen.
Leitbild für die Umkehr ist das Kind: Sie führt symbolisch zurück zum „Säugling“ oder zum „unbehauenen Block“. Werden all die Hinzufügungen, die im Lauf des Lebens angehäuft werden, weggelassen, so bleibt die Essenz, das Wesentliche übrig. Es ist eine Rückkehr zur Einfachheit, Spontaneität und Natürlichkeit. „Wer das Tao praktiziert, nimmt von Tag zu Tag ab. Er nimmt ab und nimmt weiter ab, bis er beim Nicht-Handeln (Wu Wei) ankommt.“ (Tao Te King, Kap. 48)
Nicht-Handeln heißt nicht Nichts-Tun, sondern bedeutet die Rücknahme der Einmischung in die Geschehnisse des Lebens aus selbstsüchtigen Motiven. Das Handeln der Menschen geschieht aus dem Fließen des Lebens, das in jedem Moment kundtut, was geschehen soll. Als Beispiel dient die berühmte Geschichte von Koch Ding, der Rinder zerlegt. Sein Messer wird nie stumpf, weil er nicht gegen die Knochen kämpft. Er findet die natürlichen Lücken im Fleisch und lässt die Klinge dort hindurchgleiten. Wu Wei besteht darin, bei auftretenden Problemen einen Schritt zurückzutreten, das ganze Bild wirken zu lassen und die Maßnahmen, die zu tun sind, aus einem tieferen Erkennen und Wissen zu gewinnen.
Umkehr im Sufismus
Die Abwendung vom Göttlichen, die durch die vielfältigen Verirrungen des Lebens passiert ist, erfordert eine Umkehr oder Rückkehr. Nach der Lehre der Sufis gibt es verschiedene Quellen der Abkehr von Gott:
An erster Stelle steht das nafs, das Ego, das den Menschen über Triebe, Machtstreben und materielle Gier gefangen hält. Zweitens sind es die Verlockungen der Welt der Dinge und Erscheinungen, die Außenreize, die den Blick nach innen überlagern und uns die Illusion der Unsterblichkeit vermitteln. Drittens sprechen die Sufis von 70 000 Schleiern, die zwischen Gott und Mensch liegen und in die sich die Menschen verfangen – lichte Schleier in Form von selbstgefälligen Tugenden und dunkle Schleier im Sinn der Laster. Schließlich sollen vor der Erschaffung der Welt alle Seelen Gott als ihren Herren anerkannt haben; das Vergessen dieses ursprünglichen reinen Zustandes führt zum Versiegen der Kommunikation mit Gott.
Rumi schreibt: „Dein Herz ist ein Spiegel. Du musst ihn von dem Staub reinigen, der sich darauf angesammelt hat, damit er das Licht der Sonne reflektieren kann.“
Die Rückkehr (tawba) wird als Erwachen aus dem Schlaf der Unachtsamkeit verstanden. Dazu zählen vor allem vier Schritte:
1. Die Reue, der tiefe Schmerz über die Trennung von Gott
2. Das Aufgeben aller schädlichen Handlungen
3. Der feste Vorsatz, niemals wieder unachtsam zu werden
4. Die Wiedergutmachung von Handlungen, die Schaden verursacht haben
Die Umkehr ist ein kontinuierlicher Prozess, denn jeder Moment, in dem Gott vergessen wird, bedarf der Korrektur und der bewussten Rückwendung.
Verschiedene Zugänge, gemeinsame Einsichten
Wir sehen eine Konvergenz des Verständnisses von Umkehr in den verschiedenen Traditionen. Die Menschen wenden sich Dingen zu, die sie vom inneren Weg abbringen, und verirren sich auf diese Weise. Die Erkenntnis, auf dem falschen Weg zu sein, führt zur Umkehr. Dieser Schritt führt nicht einfach zu einer besseren Strategie, sondern besteht in einer Rückwendung von außen nach innen, vom Uneigentlichen zum Eigentlichen, vom Oberflächlichen zur Essenz. In den monotheistischen Traditionen wird das Zentrum der Rückbesinnung als Gott bezeichnet, in anderen Richtungen wie z.B. im Taoismus geht es um die Einstimmung auf das Fließen des Lebens. Dieser Prozess kann auch als Heimkommen aus der Entfremdung beschrieben werden.