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Dienstag, 24. März 2026

Politik und Religion: Unheilige Allianzen

Die Religionen verstehen sich als Vermittler und Verwalter des Absoluten, also eines Wissens, das zeitlos gültig ist und nicht einem einzelnen Menschen zugeschrieben werden kann, sondern für alle Geltung hat. Die Politik verwaltet das gesellschaftliche Zusammenleben, das sich fortlaufend verändert. Die Politik hat es mit relativen Tatbeständen zu tun, zu denen es immer verschiedene Sichtweisen und Bewertungen gibt. Die Politik kümmert sich auch um die Machtverteilung, um die sich Menschen und Gruppierungen streiten.

Aus dieser Gegenüberstellung geht klar hervor, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Dennoch zeigt die Geschichte, dass die beiden Bereiche immer wieder vermischt wurden, meistens mit katastrophalen Folgen. Um dieser Verwechslung einen Riegel vorzuschieben, wurde in der Aufklärung die Trennung von Staat und Kirche vorgeschlagen und eingefordert. Sie ist inzwischen ein wichtiger Teil westlicher liberaler Verfassungen, aber in der Praxis kommt es noch immer zu Vermischungen, Überschneidungen und Grenzüberschreitungen, wie auch aktuelle Beispiele zeigen.

Menschen sind religiös und politisch

Die Tendenz zur Vermischung von Religion und Politik hat ihren Grund darin, dass Menschen sowohl religiös (am Absoluten interessiert) als auch politisch (an ihrem Gemeinwesen interessiert) sind. Daraus erwächst die Versuchung, das Absolute in die Politik hineinzuschwindeln und die Politik ins Absolute. Beiden Seiten wird mit dieser Vorgehensweise Schaden zugefügt. Die Folge von absoluten Wahrheitsansprüchen in der Politik ist in logischer Konsequenz die Gewaltanwendung zur Durchsetzung von Entscheidungen. Wer meint, absolut Recht zu haben, muss alle bekämpfen, die einer anderen Meinung sind, denn sie sind des Teufels, des mystischen Gegners des Absoluten. Umgekehrt: Die Politik, die sich ins Absolute hineindrängt, korrumpiert das Absolute zum Relativen. Das Absolute kann der Politik nicht unterworfen werden, aber sie kann es bis zur Unkenntlichkeit verzerren (z.B. indem kirchliche Würdenträger Waffen segnen oder die Gegner verteufeln). Politisches Alltagsgeschäft, das als religiös verbrämt wird, zerrt das Absolute auf den Marktplatz der Macht, auf dem es jeden Heiligenschein verliert. Das Absolute, das von der Macht berührt wird, zerfällt und verwandelt sich in Gift.

Von Gottes Gnaden?

Die Herrschaft von Gottes Gnaden ist der Traum jedes Machtmenschen. Denn eine von den höchsten Instanzen inthronisierte Position ist jeder menschlichen Kritik und Infragestellung entzogen. Allerdings beruht sie auf einem Missbrauch des Absoluten, weil das Absolute keine Macht zuspricht. Die Machtverteilung ist die Sache der Gesellschaft und wird auf der relativen Ebene entschieden.

Und die Gnade gebührt allerdings nur jenen, die ihre Macht dafür nutzen, die Machtlosen zu stärken und sich selbst so weit wie möglich zu entmächtigen, also auf die Macht zu verzichten, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Macht macht nur Sinn, wenn sie dem Gemeinwesen dient, und wird zum asozialen Selbstzweck, wenn sie Einzelinteressen auf Kosten der Mehrheit durchsetzen will.

Wer darüber hinaus vermeint, mit Gottes Gnade Krieg führen oder die Untertanen unterdrücken zu können, verwechselt sein Ego mit dem Absoluten und nutzt die Religion zur Rechtfertigung für Gewaltanwendung und subjektive Willkür.

Kriegerisches Sendungsbewusstsein

Der jüngste Krieg der USA und Israels gegen den Iran liefert manchen Leuten den Anlass, ihr religiöses Sendungsbewusstsein in den Dienst martialischer Interessen zu stellen. Der US-Senator Lindsey Graham von den Republikanern hat den Krieg als heiligen Krieg bezeichnet, weil man es mit religiösen Fanatikern zu tun hat, die vernichtet werden müssen – so spricht ein religiöser Fanatiker. Häufig redet er auch von einer heiligen Hölle (holy hell), die über das iranische Regime hereinbrechen soll. Außerdem ist er der Meinung, es handle sich bei diesem Krieg um einen Kampf des Guten gegen das Böse. Auch der US-Kriegsminister Pete Hegseth nutzt die Religion für seine Kriegsrhetorik. Er hat die US-Soldaten als Glaubenskrieger bezeichnet und einige seiner Kommandanten sollen ihren Truppen mitgeteilt haben, dass der Krieg von Gott geplant sei. In der israelischen Regierung sprechen Minister von einem Kampf zwischen „Licht“ und „Dunkelheit“ gegen den Iran. Sie lehnen Verhandlungslösungen als „Sünde“ ab, weil das Dunkle total vernichtet werden muss. Auf der anderen Seite herrscht eine ähnliche Rhetorik: Es geht um einen heiligen Kampf gegen die Aggressoren und um eine Entscheidungsschlacht zwischen dem „Haus des Islam“ und der „Welt der Ungläubigen“. Kriegsopfer sind automatisch Märtyrer für den Glauben.

Die Aufladung der Kriegsrechtfertigungen mit religiösen Inhalten verschärft die kriegerische Aggression und erschwert diplomatische Lösungen. Denn jede Seite fühlt sich vom Absoluten unterstützt und angestachelt. Es geht nicht mehr „nur“ um politische Machtansprüche, wirtschaftliche Vorteile, strategische Optionen usw., sondern um eine metaphysische Arena, in der sich die Mächte des Guten und des Bösen gegenüberstehen, sodass vom Ausgang des Kampfes abhängt, ob die Welt in Zukunft vom Licht oder von der Dunkelheit beherrscht wird. Die Situation ist deshalb so zerstörerisch und ausweglos, weil beide Seiten in ihrem Wahn dem gleichen Missbrauch des Absoluten verfallen sind. Es wirkt als stünden sich zwei verstörte Typen hasserfüllt gegenüber, und jeder hält sich selber für den Erlöser und den anderen für den Teufel, der vernichtet werden muss.

Unheilvolle Allianzen

Die unheilvolle Allianz von Thron und Altar hat eine Blutspur durch die Geschichte gezogen und in vielen Ländern letztlich dazu geführt, dass sich mehr und mehr Menschen von den Altären abgewandt haben und den Klerikern misstrauen. Denn eine Kirche, die das Absolute an die Macht verrät, hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Dennoch ist diese Mesalliance noch immer in Gebrauch, siehe z.B. die Absegnung des russischen Krieges gegen die Ukraine durch die russisch-orthodoxe Kirche. 

Während Parteien und Gruppierungen auf der linken Seite des politischen Spektrums traditionell religions- und kirchenkritisch auftreten und im Extremfall Religionen verbieten oder unterdrücken, versuchen viele rechtsorientierte Strömungen, Religion und Kirche für sich zu vereinnahmen und für die eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Vor allem fundamentalistische Gruppen bieten sich geradezu für solche Zwecke an, weil sich ihre autoritären Strukturen mit jenen der Rechtsparteien ähneln und beide ihre Positionen für absolut gültig erachten. So gibt es auch unheilvolle Allianzen zwischen Rechtsparteien und konservativen oder fundamentalistischen Kirchenvertretern oder Sekten. 

Zum Fundamentalismus gehört, dass aus den heiligen Texten direkt Richtlinien für die menschliche Lebenspraxis abgeleitet werden können. Wie gefastet wird, welche Rollen die Männer und die Frauen spielen, welche geschlechtlichen Orientierungen erlaubt sind und welche nicht oder welche Kleidung zu tragen ist, steht in den Schriften und hat deshalb absolute Geltung, die auch von staatlichen Organen eingefordert werden soll. Doch sind alle Texte relativ, in relativer Sprache verfasst und in ihren Bedeutungen dem Lauf der Geschichte unterworfen. Es gibt keine absolute gültigen Aussagen in den Schriften, sondern nur relative, auf die jeweiligen Zeitumstände bezogene Interpretationen. Das Absolute entzieht sich jeder Verbildlichung und Verschriftlichung. Es enthält nicht einmal konkrete Inhalte, sondern ist leer. Deshalb kann es nichts zur Klärung der Frage beitragen, ob Frauen Kopftücher tragen sollen oder nicht, ob sie Priesterinnen werden können oder nicht, ob sie den Männern übergeordnet sind oder nicht, geschweige denn, wer die Macht im Staat innehaben soll und wer nicht.

Die Trennung von Staat und Kirche

In den politischen Prozessen darf es in einer liberalen Demokratie keine religiöse Einmischung geben. Absolutheitsansprüche verzerren die Debatten und verhindern pragmatische Kompromisse. Sie verhärten die Fronten und erzeugen Hass und Gewaltbereitschaft. Politische Entscheidungen müssen auf der politischen Ebene durchgeführt und verantwortet werden. Das Absolute hat dazu nichts zu sagen und dabei nichts verloren. Im gesellschaftlichen Prozess hingegen, der politischen Entscheidungen vorangeht und nachfolgt, spielt das Religiöse immer eine Rolle, als Stimme unter vielen, mit einem besonderen Gewicht, das sich daran bemisst, wieweit das Religiöse dem Absoluten verpflichtet ist. 

Das Absolute und die Verantwortung für die Gesellschaft

Die Trennung von Religion und Politik bedeutet also nicht, dass sich die beiden Bereiche nicht umeinander kümmern müssen. Die Politik braucht das Absolute, um zu erkennen, worum es in Wirklichkeit, also jenseits der Machtausübung geht. Wie soll eine gerechte Gesellschaft beschaffen sein? Welche Werte sind unverzichtbar, um den Menschen ein gutes Leben zu garantieren? Die Botschaften aus dem Absoluten kommen als Ordnungsrufe, Ermahnungen oder Zurechtweisungen, als Gewissenserinnerungen von Menschen, die sich ihrer Verantwortung aus der Offenheit für Transzendenz und für die Anliegen der Gesellschaft bewusst sind. Zur Zeit des Alten Testaments waren es die Propheten, die auf die Abweichungen vom göttlichen Weg aufmerksam gemacht haben.

Moderne Propheten treten als visionäre Politiker auf. Sie streben nicht nach Macht,  geleitet von Angst und Gier, und wollen um jeden Preis daran festhalten. Sie haben ihre Überzeugung und ihr Engagement aus dem Absoluten gewonnen. Sie wissen aus diesem Kontakt um die Richtung, in der die Gesellschaft verändert werden muss. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela sind solche wegweisende Menschen, die aus einer tief gegründeten Selbstverpflichtung zu Gerechtigkeit und Befreiung gehandelt haben und mit ihrem selbstlosen und authentischen Auftreten Millionen Anhänger gefunden haben, sodass sie die Gesellschaft in wichtigen Teil menschenwürdiger gestalten konnten.

Da wir als religiöse Menschen auch politische Menschen sind, obliegt es uns, in der Politik aktiv Stellung zu beziehen, wenn es zu Ungerechtigkeiten kommt. Im Licht des Absoluten sind alle Menschen gleich und haben die gleichen Rechte. Deshalb widerspricht eine ungerechte Gesellschaftsordnung dem Absoluten. Die Mächtigen müssen auf ihre egogeleiteten Fehlhandlungen aufmerksam gemacht und zur Rechenschaft gebracht werden. Wer sich dem Absoluten verpflichtet fühlt, kann sich nicht nur in die eigenen vier Wände zurückziehen und dort der Frömmigkeit huldigen, sondern sollte auch dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse besser werden. Wer schweigt, scheint zuzustimmen, hieß es bei den Römern. Wer nichts sagt, bestätigt die Umstände, auch wenn sie menschenfeindlich und ungerecht sind. Als Menschen können und sollen wir zu Sprachrohren des Absoluten werden, indem wir sein Licht auf alles richten, was im Schatten von Bosheiten, Gewalttaten und Manipulationen steckt. Der Maßstab des Absoluten ist an alles anzulegen, was Menschen hervorbringen. Nur so kann geklärt werden, ob es dem Besten der Menschheit oder nur der subjektiven Willkür, Bereicherung und Bestätigung einzelner dient.

Dazu gehört auch, jeden politischen Missbrauch des Absoluten anzuprangern. Jeder Rede vom geheiligten Krieg, jede Verherrlichung von Gewalt, jede Rechtfertigung von Unterdrückung, jede Untat mit Berufung auf eine höhere Instanz ist von diesem Missbrauch befallen und muss benannt und kritisiert werden. Religiös begründete Unmenschlichkeiten sind doppelt böse, in sich und dazu noch als Heuchelei und Frevel. 

Zum Weiterlesen:
Religion und Vertreibung


Dienstag, 17. März 2026

Verzerrungen der kollektiven Bewusstseinsfelder

Katastrophen erzeugen kollektive Emotionalfelder, die vor allem mit Angst, Scham und Schmerz aufgeladen sind. Wie im vorigen Artikel beschrieben, belasten diese Felder alle Mitglieder der Gesellschaft. Da es einfacher ist, diese Belastung durch Rechtfertigungen zu erleichtern als die unangenehmen Gefühle zu spüren, die sie übermitteln, gibt es einen ganzen Markt für solche Entlastungen. Diese bewirken Verzerrungen in den Bewusstseinsfeldern, die von ihren ursprünglichen Gefühlen entfremdet werden. Über diese Gefühle wird ein Schleier gelegt, der vor ihrer Macht schützen soll. Diese Unkenntlichmachung wird mit neuen Deutungen vorgenommen, die nicht aus der Realität, sondern aus der Fantasiewelt von Ideologien stammen. Die entsprechenden Angebote vertreten begrenzte Interessen und sind nicht am gesellschaftlichen Nutzen interessiert. Entweder geht es um wirtschaftlichen Gewinn oder um politische Macht. Für diese Ziele werden die arglosen Konsumenten der Propaganda benutzt und ausgebeutet.

Egoismus statt Empathie

Der Altruismus, der normalerweise durch das empathische Mitfühlen mit dem Leid anderer aktiviert wird, wird durch den Egoismus ersetzt, indem die Verzerrungsangebote Ängste schüren: Wenn du empathisch bist, kann es dir selber an den Kragen gehen.  Sobald wir in Angst geraten, werden unsere Überlebensprogramme angestachelt. Sie suggerieren uns, dass wir zuerst unsere eigene Haut retten müssen, bevor wir jemand anderem helfen können. Das ist die Grundregel für alle Ausreden zur Vermeidung von prosozialem und gemeinnützigem Verhalten. 

Klarerweise sind es alte Ängste, also solche, die in der Kindheit oder schon im Mutterleib entstanden sind, an die die Angstpropaganda andocken will. Viele Menschen in unseren Breiten leben mit einem Grad an Sicherheit, den es in der Geschichte vorher noch nie gegeben hat. Es gibt also wenig realen Anlass für Ängste, aber viele Stellen in unserem Unterbewusstsein, die angstsensibel sind. Denn dort sind Erinnerungen von früheren Verletzungen, Demütigungen und Bedrohungen gespeichert. Es ist wie bei Süchtigen, deren Empfänglichkeit für Reize von der Suchtsubstanz überschrieben wird, sodass bestimmte Empfindungen nur mehr durch die Droge zustande kommen. Diffuse Ängste bekommen eine Bedeutung, die aber nichts mit der Realität sowohl im Außen wie im Innen zu tun hat, sondern von den Interessen der Manipulatoren erfunden werden. Es wird also eine Pseudorealität suggeriert, die 

Die stetig steigende Unzufriedenheit von Wählern von Rechtsparteien

Eine deutsche Studie, die AfD-Wähler über mehrere Jahre begleitet hat, hat gezeigt, dass diese Personen im Lauf der Zeit immer unzufriedener wurden, ohne dass sich etwas Gravierendes in ihrem Leben verändert hätte. Sie haben aber die Negativpropaganda und Angstschürung in sich aufgesogen, die ihnen ihre Partei tagtäglich liefert. Ihre Lebensqualität verschlechtert sich durch diese Form der Gehirnwäsche, und zugleich festigt sich ihre Bindung an die Partei, die ihnen dieses stetig steigende Leid zufügt, denn sie verspricht zugleich die einzig zielführende Abhilfe. Bezogen auf den Glücksindex bedeutet dieser Befund, dass AfD-Anhänger 2400,- €/Monat mehr verdienen müssten, um wieder zufriedener zu werden. Die Studie hat auch ergeben, dass Personen, die sich von der AfD abwenden, schnell wieder zu einer durchschnittlichen Zufriedenheit zurückfinden. (Für Österreich hingegen liegt der Durchschnitt gar nicht mehr in einem Mittelwert an Zufriedenheit, weil 2024 fast 60 % der Befragten angaben, die Entwicklung der letzten fünf Jahre als negativ wahrzunehmen. Parallel dazu steigen die Stimmengewinne für die FPÖ, denn 40% jener „Systemunzufriedenen“ wählen diese Rechtspartei.)

Unzufriedenheit und Angst

Unzufriedene Menschen sind mehr von Ängsten gesteuert als Menschen, die vertrauensvoll in die Zukunft schauen. Ängstliche Menschen sind leichter manipulierbar und ungeschützt den Wirkungen der kollektiven Traumafelder ausgeliefert. Da Ängste immer die rationale Prüfung der Wirklichkeit einschränken, gelingt es schwerer, zu unterscheiden, wo die Quellen der Angst liegen. Kindheitstraumen werden durch kollektive Katastrophen aktiviert, doch versucht die politische Propaganda, diesen Zusammenhang zu verschleiern und umzudeuten. Die Taktik besteht darin, den Menschen ihre Ängste bewusst zu machen und einen Kontext zu liefern, der die eigenen Machtinteressen befördert. Du sollst Angst spüren, und ich sage dir, woher sie kommt und worin die Abhilfe besteht. Die diffuse Angst, die z.B. von kriegerischen Ereignissen auf der Welt ausgelöst wird, wird aufgegriffen und auf ein anderes Thema umgelenkt, z.B. auf die Migration. Du sollst Angst spüren und sie auf die Menschen richten, die in dein Land gekommen sind und die du als fremd und bedrohlich wahrnehmen solltest. Komm zu uns, denn wir sind diejenigen, die dafür sorgen werden, dass die Urheber der Angst, die Fremden, rausgeworfen werden. Dann kannst du wieder frei von Angst leben.

Dass dieses Versprechen nie eingelöst werden kann, weil die Ängste  von ganz wo anders herkommen, ist den Ängstlichen nicht bewusst; sie klammern sich an jeden Strohhalm, der ihnen Hilfe in der Not zu bieten scheint. Sie vertrauen nicht auf die eigene Vernunft, die ihnen den Weg zeigen könnte, die Ursprünge seiner Angst zu finden und dort aufzulösen. Sie vertrauen auf jene, die sie scheinbar in ihrer Not verstehen, weil sie ihnen ein einfaches Feindbild und eine einfache Abhilfe liefern.

In Angst zu leben macht es unmöglich, Empathie zu empfinden. Die Identifikation mit dem eigenen Leid ist zu groß, dass fremdes Leid im Bewusstsein einen Platz finden könnte. Vielmehr wird das Leid der anderen als Bedrohung erlebt, und die Verzerrungen, die die Propaganda liefert, dienen als Rechtfertigung und Entlastung von der Macht der kollektiven Emotionalfelder. Jeder Mangel an Empathie hat ein Schamgefühl zur Folge, denn das Mitgefühl ist ein wesentlicher Teil der Menschlichkeit. 

Zurück zur Menschlichkeit

Wir wollen weder Angst noch Scham spüren, weil es unangenehme Gefühle sind. Wenn wir aber tiefer verstehen wollen, woran wir leiden, müssen wir uns dieser Gefühle annehmen und sie in ihren Ursprüngen erkunden. Gefühle, die wir sowohl mit unserer Biografie als auch mit der Menschengemeinschaft und ihrer Geschichte in Verbindung bringen können, kommen in Frieden, indem wir sie zu Herzen nehmen und innerlich transformieren. Wo Angst und Scham war, entsteht ein Raum für Liebe und Mitgefühl.  

Zum Weiterlesen:
Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen und ihre missglückte Bewältigung



Mittwoch, 11. März 2026

Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen

„Die Geschichte lehrt den Menschen, dass die Menschheit ein einziger ungeteilter Organismus ist.“ Mahatma Gandhi

Unser individuelles Bewusstsein steht immer mit einem kollektiven Bewusstsein in Verbindung, weil wir eben nicht alleine auf der Welt sind. Wir kommunizieren beständig mit der Welt um uns herum, zuerst und immer auch mit unserer Atmung und dann über die verschiedenen anderen Kanäle, bei denen die Medien in den letzten Jahrhunderten eine fortlaufend größere Rolle spielen. Diese Entwicklung scheint sich in jüngerer Zeit im Zug der digitalen Revolution enorm zu beschleunigen und eigene Formen des kollektiven Bewusstseins hervorzubringen.

Unter dem kollektiven Bewusstsein können wir nach dem französischen Soziologen Émile Durkheim gemeinsame Gefühle, Werte und Überzeugungen einer Gesellschaft oder der gesamten Menschheit verstehen. Katastrophen mit überregionaler Bedeutung erschüttern das Sicherheitsgefühl vieler Menschen. Die Endlichkeit tritt mit Wucht ins Bewusstsein und erzeugt den Eindruck des Kontrollverlusts und des Ausgeliefertseins an höhere Mächte und Gewalten. Der Glaube, dass alles gut weiter geht, wird jäh unterbrochen, während durch die Informationen und Bilder, die wir über die Medien konsumieren, sekundäre Traumatisierungen auftreten können. 

Angesichts der Verunsicherung werden individuelle und kollektive Überlebensprogramme aktiviert, die zu spontaner Solidarität führen können, aber auch innere Ängste verstärken. Zunächst schart sich die Gesellschaft um die Fahne (Der  „Rally 'round the flag“-Effekt) und krempelt die Ärmel hoch, um den von der Katastrophe Betroffenen Hilfe zu leisten. Im gemeinsamen Kampf gegen die Gefahr oder die entstandenen Schäden werden die Grenzen zwischen dem Wir und den Anderen überwunden. Dieser Effekt kann allerdings ins Gegenteil kippen, wenn die Angst wächst oder angefacht wird, sodass Teile des kollektiven Bewusstseins regredieren: Der Egoismus und der Gruppenegoismus nehmen wieder zu, Sündenböcke werden gesucht und Verschwörungserzählungen zur Rechtfertigung des Rückzugs aus der empathischen prosozialen Rolle eingesetzt. 

Die Messung von kollektiven Traumafeldern

Menschen sind in ihrem Wesen empathisch. Wir verfügen über Spiegelneuronen, die uns das Leid anderer nachempfinden lassen, ob wir es wollen oder nicht. Wenn uns die Nachricht von einer Katastrophe, unter der Menschen irgendwo auf der Welt leiden, erreicht, reagiert unsere Psyche mit Angst, Schmerz und Scham. 

Die Forschung hat sich dieser Phänomene angenommen. Es wird beispielsweise die „globale Stimmung“ über Reaktionen auf digitalen Medienplattformen mit einem Algorithmus erhoben, der „Hedonometer“ heißt und die durchschnittliche Glücklichkeit misst. Bei Ereignissen wie dem Beginn der COVID-19-Pandemie oder bei den Anschlägen in Paris 2015 sackte die Kurve weltweit zeitgleich ab. Man konnte eine massive Vereinheitlichung der Emotionen beobachten – die individuelle Varianz (der eine ist froh, der andere traurig) wurde von einer kollektiven Welle aus Angst oder Trauer überlagert.

Bei der Princeton University läuft ein Projekt zur Messung des globalen Bewusstseins, bei dem am 11. September 2001 signifikante weltweite Abweichungen von der Zufallsverteilung der Gefühle beobachtet werden konnte. Diese Abweichung begann kurz vor den Attentaten und kulminierte während der Ereignisse.

Neuropsychologische Untersuchung belegen den Effekt der psychologischen Synchronisation: Das Phänomen, das schon Durkheim als „kollektive Aufwallung“ beschrieben hat, besteht darin, dass es bei Teilnehmern von emotional aufwühlenden Veranstaltungen zur Synchronisation von Herzfrequenz und Atemmustern kommt. Eine Studie der Universität Zürich hat gezeigt, dass große Katastrophen das Angstzentrum (die Amygdala) einer ganzen Population gleichzeitig in Alarmbereitschaft versetzen kann.

Vermutlich spielt das Bindungshormon Oxytocin eine Rolle bei der Synchronisation von Gruppen, das bei geteiltem Schmerz vermehrt ausgeschüttet wird und den sozialen Zusammenhalt stärkt.

Die weltweite digitale Vernetzung hat dazu geführt, dass solche Gefühls- und Bewusstseinsfelder heute viel schneller aktiviert und aufgeladen werden, weil die Nachrichten ohne Verzögerung überall auf der Welt ankommen. Es ist nicht möglich, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Selbst wenn wir uns von allen Medien abschotten, bleiben wir Teil der emotional aufgeladenen Resonanzfelder, mit dem Nachteil, nicht zu wissen, um welche Katastrophen es sich handelt.

Die Mitgefühlserschöpfung

Da die Aktivierung von Mitgefühl mit den Opfern von Unmenschlichkeit und Naturgewalten viel Energie kostet, gibt es das Phänomen der Empathieerschöpfung, der compassion fatigue. Insbesondere das Mitleid, bei dem wir den Schmerz des anderen in unserem eigenen Schmerzzentrum fühlen, nimmt uns stark mit und führt ab einem gewissen Zeitpunkt zur Erschöpfung. Ein Mitgefühl, bei dem es gelingt, trotz der Anerkennung des Leides bei sich zu bleiben, ist dagegen leichter verträglich und enthält auch Aspekte der Belohnung: Notsuchenden Mitmenschen Hilfe zu leisten, erfüllt mit Befriedigung – solange, als die Hilfeleistung nicht in Mitleid kippt.

Dann kann es zu den Symptomen der Mitgefühlsmüdigkeit kommen: Emotionale Taubheit, Zynismus gegen die Opfer, sekundäre Traumatisierung (das Trauma der Opfer überträgt sich auf einen selbst), Gereiztheit und körperliche Beschwerden. Wer auf sich selbst beim Mitgefühl vergisst, beutet sich selbst aus und kann dann irgendwann nicht mehr menschlich handeln. 

Die Mitgefühlsverdrängung

Die Gefühle der kollektiven Traumafelder sind unangenehm und belastend. Deshalb mobilisieren wir Abwehr- und Verdrängungsformen, die uns helfen sollen, zu vergessen, was es an Unmenschlichkeit in der Menschengemeinschaft gibt. Verdrängung heißt, dass die Gefühle im Unter- und Hintergrund des Seelenlebens wirksam bleiben, sodass wir unterschwellig leiden, ohne dass uns der Ursprung dieses Leidens bewusst ist. Eine wichtige Form der Verdrängung stellen ideologisch aufgeladene Erzählungen dar, mit deren Hilfe das tief in uns verwurzelte Mitgefühl wegrationalisiert werden soll. Insbesondere Gruppierungen und Parteien, die dem extremeren Teilen des politischen Spektrums angehören, stellen solche Narrative zur Verfügung.

Wir können mitverfolgen, wie bei jeder Katastrophe Verschwörungserzählungen auftauchen, die beliebte Abwehrformen widerspiegeln. In Bezug auf die Klimakrise habe ich vor kurzem solche Geschichten beschrieben. Statt Mitgefühl und davon motiviertes hilfreiches Handeln zuzulassen, werden Katastrophen und damit das Leid der Menschen für andere Zwecke missbraucht.

Der vergebliche Kampf gegen die Endlichkeit und der Verkauf der Seele

Die Abwehr von Scham, Angst und Schmerz angesichts von Katastrophen der Menschlichkeit dient letztlich der Abspaltung der Endlichkeit, der wir alle unterworfen sind. Traumatisierende kollektive Ereignisse führen die Menschen an die Grenzen ihrer Macht. Um diese Grenzen nicht spüren zu müssen, sind Menschen immer wieder bereit, ihre Empathie für Ideologien zu opfern und damit selbstsüchtige Interessen zu bedienen. Es sind vor allem die Angst- und Schamgefühle, die aus dem seelischen Untergrund wirken und die Emotionen in Spannung halten. Um diese Belastungen abzubauen, werden Erklärungsmodelle gewählt, die zu einem Verstehen der unkontrollierbaren Ereignisse führen sollen. Die altbekannte und altbewährte Methode der Angst- und Schambewältigung besteht in der schon erwähnten Suche nach Sündenböcken, auf die die Verantwortung abgewälzt werden kann. Der Kampf gegen die Unausweichlichkeit des eigenen Todes wird übertragen auf einen Kampf gegen vermeintliche Bösewichter, deren Elimination den Schutz vor weiteren Katastrophen und insgeheim auch vor der Katastrophe des eigenen Todes verspricht.

Im berühmten Gedicht Bani Adam des persischen Dichters Saadi Shirasi heißt es: „Dich, den fremdes Leid nicht im Herzen berührt, ziemt nicht, dass man den Namen ‚Mensch‘ dir führt.“ (تو کز محنت دیگران بی‌غمی نشاید که نامت نهند آدمی). Wer die Empathie verdrängt und abspaltet, für welchen Zweck auch immer, spaltet die eigene Menschlichkeit von sich ab. Der Preis für den scheinbaren Schutz vor den eigenen unangenehmen Gefühlen ist hoch: Der Verkauf der Seele an den Teufel der Selbstsucht und des Hasses. 

Die menschliche Würde bewahren wir hingegen, indem wir die Gefühle von Angst, Scham und Schmerz zulassen können. Wenn wir sie bewusst zu uns nehmen, würdigen wir das Leid der betroffenen Mitmenschen und bleiben offen für das, was sie an Linderung und Hilfe brauchen. Es sind unsere Gefühle, die durch das Mitgefühl entstehen, und im Annehmen dieser Gefühle bleiben wir bei uns, ohne in die Selbstausbeutung des Mitleids zu kippen.

Zum Weiterlesen:
Klimamärchen
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen und ihre missglückte Bewältigung
Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine
Die Globalisierung von Konflikten durch die Aktivierung von Traumen