Freitag, 26. November 2021

Die Ethik beim Impfen

Vorbemerkung

Es geht mir bei diesen Zeilen nicht darum, einen vorwurfsvollen Zeigefinger vor irgendjemandem zu erheben, geschweige denn über jemanden einen Stab zu zerbrechen. Es geht mir vielmehr darum, einen ethischen Sachverhalt aufzuzeigen uns bewusst zu machen. Was soll ein ethischer Sachverhalt sein? Ich gebe ein Beispiel zur Verdeutlichung, das nichts mit der aktuellen Impfthematik zu tun hat. Wenn Kinder emotional oder sexuell missbraucht werden, entstehen massive subjektive Verletzungen und Leiden. Zusätzlich entsteht ein Riss im sozialen Gefüge durch die Missachtung der Menschenwürde. Dieser Riss wirkt so lange, bis gesehen und anerkannt ist, was passiert ist, und bis ein Ausgleich und eine Sühne geschieht. 

Ein ethischer Sachverhalt existiert und hat eine Wirklichkeit, ähnlich wie ein Riss in einer Hauswand. Er hat aber keine dingliche Realität, sondern eine soziale. Als solche hat er die Eigentümlichkeit, verdrängt, vergessen und ignoriert werden zu können. Dennoch existiert er weiter und hält Spannungen im Untergrund des sozialen Gefüges aufrecht. Diese Spannungen betreffen alle, nicht nur die Opfer, die an ihren Verletzungen leiden, und die Täter, die an ihren Schuld- und Schamgefühlen bzw. deren Abwehrformen leiden. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, die Ursachen der Spannungen aufzudecken und bewusst zu machen. Denn unaufgelöste und unbewusste ethische Sachverhalte erzeugen Dynamiken mit oft unglaublicher und zerstörerischer emotionaler Wucht.

Der ethische Sachverhalt in der Impfthematik

Das ethische Argument, das für die Impfung spricht, hat mit Solidarität zu tun. Geimpfte tragen nach den Erkenntnissen der Wissenschaft wesentlich mehr zur Eindämmung der Pandemie bei als Ungeimpfte. Viele ältere und aktuelle Studien beweisen die Wirkungen der Impfung (besonders trifft es auf die Dreifachgeimpften zu) auf die Reduktion von Ansteckungen und auf die Vermeidung von schweren Verläufen: Nach Schätzungen der WHO hat das Impfen bisher einer halben Million Menschen den Tod erspart. Die Ungeimpften hingegen geben bei Ansteckung die volle Virenbelastung weiter. Sich nicht impfen zu lassen, verringert die Ansteckungsrisiken und die Weiterverbreitung der Viren nicht im Geringsten, sondern fördert die weitere Verbreitung des Virus und verlängert die Krisensituation. Außerdem steigt durch das weiter bestehende Feld der Ausbreitung die Möglichkeit für die Entwicklung neuer Varianten, die die weitere Bekämpfung der Pandemie noch schwieriger gestalten. 

Da die Pandemie weiterhin viel Leid und viele Todesfälle bewirkt, besteht die ethische Pflicht darin, das zu tun, was einem möglich ist und zu Gebote steht, um die Not zu wenden. Dazu gibt es nach allen vorliegenden Daten vor allem die Möglichkeit der Impfung, die noch dazu in unseren Ländern kostenlos verabreicht wird. Ungeimpfte, die diesen Schritt nicht vollziehen, tragen mit dieser Haltung eine höhere ethische Mitverantwortung für die Opfer der Pandemie als die, die sich trotz des Risikos von Nebenwirkungen impfen lassen. Mit jedem Tag, an dem sich jemand nicht impfen lässt, steigt die Mitverantwortung für das Weiterwachsen der Ansteckungen und der damit verbundenen Auswirkungen. (Ausgenommen sind natürlich jene wenigen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen dürfen.) 

Es gibt auch andere Maßnahmen, die der Vorbeugung gegen Ansteckung dienen, indem sie z.B. das eigene Immunsystem stärken oder die zwischenmenschlichen Kontakte reduzieren. So anerkennenswert jeder dieser Maßnahmen ist, muss doch gesehen werden, dass die Impfung die zielgerichtetste und wirkungsvollste Handlung darstellt, die Pandemie abzuschwächen und irgendwann zu beenden.

Andererseits ist die Impfung wiederum nicht die einzige und ausreichende Maßnahme, um die Infektionen zurückzudrängen; wer meint, mit der Impfung wieder wie vor der Pandemie leben zu können, hat übersehen, dass auch Geimpfte das Virus weitergeben können. 

Motive der Impfablehner

Natürlich haben alle, die sich nicht impfen lassen, ihre Gründe und Motive. In diesem Artikel geht es nicht darum, umfassend auf all diese Möglichkeiten der Motivation einzugehen, sondern darum, ein paar Beispiele herauszugreifen. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass das ethische Solidaritätsargument  nicht einfach weggewischt, weggekürzt oder wegerklärt werden kann, sondern dass es dazu einer gewissenhaften Abwägung bedarf. Da dieses Argument im Vorfeld der Argumentation für eine Impfpflicht steht, ist es besonders wichtig, sorgfältig damit umzugehen. Ausdrücklich betonen möchte ich, dass mit einer Anerkennung des Solidaritätsarguments noch keine Zustimmung zu einer Impfpflicht impliziert ist. Dazu wäre eine gesonderte Diskussion notwendig. 

Das Solidaritätsargument zusammengefasst lautet: Wer das in seiner Macht Stehende zur Verringerung der Ansteckungsrisiken und damit zur Weiterverbreitung der Pandemie und dem damit verbundenen Leid tut, handelt gut, wer es unterlässt, handelt unterhalb seiner ethischen Möglichkeiten. Für manche ist nicht einsichtig, dass die Impfung diesem praktischen Ziel und damit dem ethischen Zweck dient. Sie halten die wissenschaftliche Evidenz, die den Nutzen der Impfung belegt, für falsch oder für manipuliert und halten sich an andere, „alternative“ Quellen ohne wissenschaftliche Relevanz. Auf diese Problematik bin ich im vorigen Blogartikel eingegangen. 

Unethisches Verbreiten von Nachrichten

Es erhebt sich an diesem Punkt die ethische Thematik, die mit dem Übernehmen und Verbreiten von dubiosen Informationen, die nicht den wissenschaftlichen Standards entsprechen, verbunden ist. Wenn jemand ohne Überprüfung und Faktencheck Informationen in den sensiblen und hoch emotionalisierten Themenbereichen aufgreift und medial weitergibt, handelt er oder sie unterhalb ihrer ethischen Möglichkeiten. Wer Informationen im Internet finden und lesen kann, kann auch überprüfen, was andere zu diesen Informationen sagen. Es ist auch leicht, herauszufinden, ob die Informationen eine wissenschaftliche Abdeckung haben oder ob es sich um subjektive Erfahrungen oder Meinungen handelt, die als Wissenschaft ausgegeben werden, ob es also ein Schwindel ist. Wer ungeprüft Informationen verbreitet, weil er nur „glaubt“, dass das stimmt, täuscht andere, denen er die Information mit dem Sigel der Vertrauenswürdigkeit weitergibt. Solche Verhaltensweisen tragen auch dazu bei, dass die allgemeine öffentliche Diskussion weiter verwirrt wird und die Mitmenschen in ihrer Sichtweise und ethischen Haltung mit unlauteren Mitteln beeinflusst werden. Sie wirkt dabei mit, dass die ablehnenden und hasserfüllten Emotionen anwachsen und das gesellschaftliche Klima vergiftet wird. Dann noch zu sagen, man wolle ja keine Spaltung, bildet nach solchen Aktionen der Desinformation manchmal noch das Sahnehäubchen der Heuchelei.

Der subjektive Widerwille

Wer das Solidaritätsargument versteht und teilt, beruft sich manchmal auf den subjektiven Widerwillen gegen das Impfen und die fehlende innere Zustimmung zu diesem Akt. Warum soll man etwas tun, was einem innerlich widerstrebt? Das kann ja nichts Gutes bewirken. Jeder hat seine Empfindlichkeiten und will mit diesen Empfindlichkeiten respektiert werden. 

Dennoch ist das eigene Spüren nicht das Ende der ethischen Diskussion, sondern ihr Anfang. Das eigene Fürwahrhalten ist untrennbar mit dem eigenen Ego und seinen Schutzmechanismen verbunden. Um eine ethische Perspektive einzunehmen, müssen immer die anderen mit ihren Egos und Schutzmechanismen mitbedacht werden. Schließlich stellt sich noch die Frage, was für die Gesellschaft als Ganze das Beste ist. Manchmal ist es wichtig, für ein höheres Gut die eigenen Befindlichkeiten zurückzustellen, aber das geht nur, wenn der Blick über den eigenen Tellerrand geht und das Leid im größeren Zusammenhang wahrgenommen wird.

Der innere Konflikt kommt nicht zur Ruhe, wenn nur die eigenen Bedenken und Ängste als Richtschnur des Handelns genommen werden. Vielmehr schwingt dabei immer ein Schamgefühl mit. Deshalb beginnt oft die Suche nach Informationen, die die innere Diskrepanz ausgleichen sollen: Informationen, die die Impfung als Mittel zur Bekämpfung der Pandemie diskreditieren, sind dann hoch willkommen, denn sie lindern die emotionale Dissonanz. Eine Prüfung auf ihre Faktizität wird tunlichst vermieden, weil die Informationen ja sonst ihre Aufgabe der inneren Beschwichtigung nicht mehr erfüllen würden. 

Das Tor zu Verschwörungsfantasien steht damit schon offen, durch das dann manche schreiten und sich damit noch weiter von der ethischen Solidarität entfernen. Außerdem entstehen dann oft schmerzhafte Brüche mit den bisherigen Freundes- und Kommunikationskreisen. Das Verantwortungsgefühl, das durch das Solidaritätsargument aktiviert ist, muss verdrängt werden, und die Verdrängung führt dazu, dass Gegner oder Gegenargumentierer in Bezug auf die angeeigneten Theorien immer aggressiver bekämpft werden. 

Je mehr die Entfernung zur ethischen Verantwortung wächst, desto weiter geraten die Kreise der Diskreditierung: Nicht nur einzelne Wissenschaftler, die sich öffentlich für Impfungen und Corona-Maßnahmen aussprechen, werden angegriffen und verurteilt, sondern die gesamte Wissenschaft wird mit einem Misstrauensantrag belegt und mit Bauch und Bogen verurteilt. Da es schon korrupte und unehrliche Wissenschaftler gegeben hat, werden alle der Unredlichkeit bezichtigt, und die Ergebnisse ihrer Forschungen sind damit wertlos oder sogar gefährlich, weil sie die Interessen von heimlichen Geldgebern vertreten, deren Ziel ganz offensichtlich in der Versklavung und Unterdrückung möglichst vieler Menschen liegt.

Die Umdeutung des Solidaritätsarguments

Das Solidaritätsargument wird dann umgemünzt: Die eigentlichen Beschützer der Menschen sind die, die die geheimen Machenschaften der Fädenzieher hinter den Kulissen aufdecken und ihren Praktiken aktiven Widerstand leisten. Der Kreis schließt sich, das Böse bleibt draußen und das Gute ist im Inneren konzentriert. Allerdings bewegen sich die Dinge im Außen nicht weiter, die Ansteckungszahlen und Todesfälle werden nicht weniger. Die Erklärungen aus dem Innenraum sind vorgeprägt. Schuld ist nicht die eigene Impf- oder Maskenverweigerung, sondern die Behörden, Politiker und Wissenschaftler, die laufend die Zahlen fälschen und fortgesetzt die Bevölkerung täuschen. 

Im geschlossenen Kreis gibt es keinen Außenhalt, der eine Korrekturmöglichkeit bieten würde. Das unterscheidet die Wissenschaften von solchen illusionsgetriebenen Konstruktionen: Es gibt immer eine Korrekturmöglichkeit vom Äußeren, also von der Wirklichkeit. Passt eine Theorie nicht mit der Wirklichkeit zusammen, wird die Theorie verändert, bis sie passt. Bei den innegeleiteten Konstruktionen geht es umgekehrt: Wenn Theorie und Wirklichkeit nicht zusammenpassen, wird die Interpretation der Wirklichkeit verändert, sodass die Theorie immer Recht hat. Die Akteure im Szenario sind vorbestimmt, ihre Rollen sind fix definiert (gut oder böse, je nachdem sie die Wirklichkeitskonstruktion bestätigen oder nicht) und jedes mögliche Ereignis hat schon eine Vorinterpretation mit Hilfe der von der Theorie festgelegten Argumente gefunden.

Die Ethik hat nur mehr eine Innenbedeutung. Es gibt keine Möglichkeit, zu überprüfen, ob die eigenen Werte und die daraus folgenden Handlungen in der Wirklichkeit Gutes bewirken, in diesem Fall also die Gesundheitssituation verbessern, weil der Wirklichkeit, also den Fallzahlen und den damit verbundenen Schicksalen, keine Korrekturfunktion zugemessen wird.

Aufwachen aus den Illusionen

Manche erwachen aus dem Illusionsgebäude, wenn sie das Virus erwischt hat und sie sich auf der Intensivstation wiederfinden. Bescheidenheit und Dankbarkeit entsteht in der Nähe des Todes und in der Abhängigkeit des eigenen Lebens von den Menschen, die Übermenschliches für die Rettung jedes Lebens leisten, ob es durch Impfung zum eigenen Schutz beigetragen hat oder nicht. Der Kampf gegen das Impfen findet dann manchmal sein natürliches Ende, weil die Erfahrung gezeigt hat, dass ein Stich weniger schrecklich ist als ein tagelanges Hängen an Schläuchen und Maschinen, von Ärzten und Pflegepersonal umgeben, das am Rand der Überlastung steht.

Manche Impfgegner konnten nach dem Besuch einer Covid-Intensivstation von ihrem Glauben ablassen. Manche hat das Leiden von nahestehenden Menschen oder deren Tod zum Frieden mit dem Impfen geführt; manche haben solche Erfahrungen noch mehr radikalisiert. Wir Menschen sind so verschieden, was die Verarbeitung unserer Erfahrungen anbetrifft. Wir sind aber darin nicht verschieden, dass wir im Grund alle das Beste für uns selbst, aber auch für alle anderen suchen. 

Deshalb ist es so wichtig, unsere Motive und Gründe für unser Tun und Nichttun immer wieder zu reflektieren und gerade dort, wo sich Kontroversen auftun, genau zu schauen, welche unbewussten Antriebe sich in unser Spüren und unser subjektives Rechthaben einmischen. Wir sollten achtsam darauf sein, wenn wir wider allen Widerspruchs an Meinungen und Überzeugungen festhalten, mit dem Gefühl, sie mit Zähnen und Klauen verteidigen zu müssen. Es könnte sein, dass wir uns an eine Einbildung, eine Illusion anklammern oder dass wir Opfer von Manipulation geworden sind. Zum Aufwachen ist es nie zu spät.

Zum Weiterlesen:
Impfen, Wissen und Wissenschaft


1 Kommentar:

  1. Eine andere Sichtweise https://www.youtube.com/watch?v=O1DgWYdukZU

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